Zurueck zum Herzen Am Horizont
Wie Adelmut von Calan einen Entschluß faßt.
Gedanken aus den Jahren 1579 bis 1581 n.d.S. (29–31 n.d.F.)
 
 
Geleit
Land
Volk
Adel
Wappen
Weistum
Dank

Es wird langsam Abend. Die Sonne ist schon ein wenig hinter den Spitzen der Tannen verschwunden. Ich sitze an meinem Lieblingsplatz, eine Anhöhe in der Nähe des Lagers, die einen Blick über den Einhornwald bietet. Oft habe ich hier gesessen und mich gefragt, wie es weitergehen kann und ob ich den richtigen Weg gewählt habe. Doch seit einigen Tagen steht meine Entscheidung fest, und ich denke beim Betrachten der untergehenden Sonne daran, wie alles begann.

Adelmut von Calan, geboren dortselbst, wo seit langem Thuatha herrschen, Tochter einer Mutter, an die ich mich nicht erinnern kann, Tochter des Starkhand von Calan – der Herr über ein paar Güter und karge Täler ist –, Sproß einer Familie, die sich seit Anbeginn der Finsternis mühte, das clanthonische Blut zu bewahren, und einstmals über eine der fünf clanthonischen Provinzen herrschte, wie Vater sagt.
    Ich genoß eine Erziehung, dank derer ich lernte, die Dinge über den Alltag hinaus zu betrachten und sie in größere Zusammenhänge zu bringen. Ich lernte lesen und schreiben in mehreren Sprachen, übte den Umgang mit Waffen zu Pferd und zu Fuß. Gleichzeitig wurde ich mit den Aufgaben einer Gutsherrin vertraut, denn meine Mutter starb, als ich noch ein Kind war und mein Vater nahm sich meiner an. Ich bin sein einziges Kind und verbrachte viel Zeit mit ihm, begleitete ihn auf seinen Reisen und lernte Land und Leute weit über Calan hinaus kennen.
    Mein Vater gab mir Einblick in seine Amtsgeschäfte. Er lehrte mich Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu tragen. Und doch, der Strenge und Größe meines Vaters zum Trotz, begann ich die Dinge anders als er zu sehen.
    Er plante, mich mit einem jungen Mann aus gutem Hause zu vermählen – eine Hausweih rein aus politischen und wirtschaftlichen Erwägungen. Clanthon entstand wieder, jenseits der Berge, und Starkhand dachte, die Familie zu stärken, zu welchem Zweck auch immer – nicht alle seine Gedanken waren mir vertraut.
Mich öffentlich dem Wort meines Vaters zu widersetzen, erschien mir damals unmöglich. So entschied ich mich, wenn auch schweren Herzens, meine Heimat zu verlassen, um diesem Schicksal zu entgehen.

In einer vollmondbeschienenen Nacht machte ich mich mit meinem Rappen auf den Weg. Mein Ziel war ungewiß. Nach vielen beschwerlichen Tagen und Nächten, oft war es kalt und nicht immer traf ich auf freundliche Menschen, gelangte ich an den Rand des Einhornwaldes. Viele Geschichten hatte ich von dieser Gegend gehört. Finstere Mächte sollten dort hausen. Doch solange ich mich an die Wege halte, die durch den Wald führen, werde ich ihn unbeschwert passieren können, machte ich mir Mut und ritt weiter.
     Es vergingen Stunden, ohne daß ich einer Menschenseele begegnete. Der Tag war etwa zur Hälfte verstrichen und ich entschloß mich, auf einer Lichtung zu rasten. Erschöpft von dem langen Ritt schlief ich ein und erwachte erst wieder von einem dumpfen Stimmengewirr.
     Als ich die Augen öffnete, sah ich an die zwanzig Männer und Frauen, die im Kreis um mich herum standen – sich zu wehren wäre sinnlos gewesen. Ein Mann trat einen Schritt vor. Er war groß und kräftig und sprach mit rauher Stimme:
     "Ihr seid eine große Heldin, daß Ihr Euch allein in den Einhornwald wagt. Wißt Ihr denn nicht, daß man hier um alles kommen kann, sogar um sein Leben? Wir wollen Euch helfen, darum werden wir Euer Hab und Gut in Verwahrung nehmen, denn es gibt viele böse Wesen unter diesen Bäumen..." Da lachten die meisten der Umstehenden. Ich schaute mich in der Runde um und mein Blick ruhte für einen Moment auf einer älteren Frau, die ihre Augen aufmerksam auf mich gerichtet hatte.
     "Mein Name ist hier ohne Bedeutung. Ich bin eine Vertriebene und ziehe durch das Land ohne festes Ziel. In meiner Heimat gibt es keinen Platz mehr für mich. Außer meinem Rappen habe ich nichts, was euch nützen könnte. Doch sagt, wer seid ihr und wieso überfallt ihr friedliche Reisende?"
     Unmut zeigte sich in seinem Gesicht; er war es wohl nicht gewohnt, daß seine Anordnungen nicht befolgt wurden, oder aber er war erbost darüber, daß er keine große Beute machen konnte. Doch bevor er etwas erwidern konnte, wurde aus der Menge eine Stimme laut. Als ich mich umsah, erkannte ich, daß die Frau, die mich schon die ganze Zeit über betrachtet hatte, das Wort ergriff:
     "Wer immer sie auch sein mag, so halte ich sie doch nicht für gefährlich. Sie sagt, sie sei heimatlos und auf der Flucht. Sie soll uns geben, was sie kann, dann will ich sie in mein Haus nehmen, wenn sie mag. Sie wird uns keinen Schaden zufügen, nicht wahr? Du siehst nicht aus wie eine Menschenjägerin, Tochter."
     Erstaunt sah ich in ihre Augen, die meinen Blick mit einem aufmunternden Lächeln erwiderten.
     "Aber sie ist bewaffnet!" rief jemand.
     "Wundert dich das...?" fragte ich; eine helle Stimme kicherte leise darauf. "Nun gut, was immer ihr in diesem Wald auch treibt. Dieser Ort ist so gut wie ein anderer, warum also sollte ich nicht eine Weile bei euch bleiben?"
     "Was soll eine Clantherin unter Bauern?" murrte der Wortführer, doch er verstummte, als meine Fürsprecherin neben ihn trat und sagte:
     "Finden wir es heraus!"

Ich blieb bei ihnen und sie lernten, mir zu vertrauen. An die hundert Menschen lebten unter den Bäumen zusammen – heute sind es weit mehr –, ärmlich aneinandergedrängt in windschiefen Hütten, mühsam von den Früchten des Waldes zehrend und dem, was sie auf kleinen Lichtungen anbauen konnten. Ausgestoßene waren sie, aus Unkenntnis, Arglosigkeit und manchmal auch Dummheit in Not geraten – der Bodensatz des jungen clanthonischen Reiches.
     Erst viel später begriff ich, welch sonderbares Glück ich gehabt hatte, denn einige von jenen, die sich der Räuberei hingaben, lebten so in Angst vor Verfolgung und Entdeckung, daß sie ihre Opfer töteten, um keine Zeugen zu hinterlassen.
     Jeder hatte seinen Nutzen: Ich hatte eine Zuflucht gefunden und sie lernten von mir, lernten alle Disziplinen, die ich als Kind gelernt hatte, lernten schreiben und kämpfen, lernten, daß man sein Tagwerk im Tal tun und auf einem befestigten Hügel leben kann, und lernten, daß der Beraubte nur solange eine Gefahr ist, wie man ihn wissen läßt, wo der Räuber seine Wohnung hat – ich richtete mein seit langem erstes Gebet an den Weltenschöpfer, als sie beschlossen, nur noch in Gegenwehr zu töten.

Dann erschienen Robard und seine Vierzig unter den Bäumen, lärmende Krieger und immer geradeaus, voller Tatendrang und dem Willen, die Welt umzukrempeln. Doch es hatte auch sein Gutes damit.
     Das stille Wirken im Wald war ein guter Anfang, selbst Robards Tiraden zuzuhören, rührte in mir etwas an. Ich erfuhr viel über das Volk und über Clanthon. Und ich kannte noch nicht das Gesicht des Krieges.
     Wenn Clanthon die Schwachen vergißt, ist die Kette bald gerissen, gerade in Zeiten wie diesen. Mich selbst etwas zu lehren, ist nicht genug, darum werde ich dorthin gehen, wo ich etwas für die Menschen tun kann.
     Jetzt, wo ich die ersten Sterne aufblitzen sehe, weiß ich, daß ich meinem Erbe nicht völlig entfliehen kann, ich muß einen Teil davon annehmen. Bald werde ich vor den Kronrat treten, und ich werde Seine Majestät bitten, mir die Aufgaben anzuvertrauen, die ich mir wünsche. Damit es einen Sinn hat.

Mit den Augen am Horizont
Adelmut von Calan


     
    -> zum Anfang