Zurueck zum Herzen Die Macht des Wortes
 
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Skriptorium
 

(Im Skriptorium zu Katz; ein Dutzend halbwüchsiger Mädchen und Jungen quält sich mit Griffel und Schiefertafel, angeleitet von einem graubärtigen Verkünder, der lautlos die Pulte abschreitet, stirnrunzelnd Blicke auf Tafeln wirft, ständig wechselnd zwischen Kopfschütteln und Nicken. Ein Junge hebt die Hand.)

"Warum müssen wir das Schreiben lernen, Vater? Es ist so mühsam. Wozu ist es gut?"
"Du schreibst auf, um Deine Gedanken festzuhalten. Und Du liest die Gedanken anderer, die geschrieben haben."
"Aber ich sage doch, was ich denke, Vater."
"Das tust Du."
"Warum aber muß ich dann schreiben lernen?"
"Was sagt ihr zu der Frage?"
"Ich kann eine Botschaft aufschreiben, Vater."
"Aber Du kannst die Botschaft dem Boten auch aufsagen und der sagt sie mir auf. Du mußt sie nicht aufschreiben."
"Er könnte was vergessen, der Bote."
"Dein Bote hat ein gutes Gedächtnis, mein Junge, er wird nichts vergessen."
"Und wenn es sehr viel aufzusagen gibt, Vater? Dann wird er wohl etwas vergessen."
"Das macht nichts. Er weiß, was er mir aufsagen soll und ich werde es verstehen."
"Vater, aber was ist, wenn er meine Worte benutzen soll und nur diese? Dann muß ich sie doch aufschreiben."
"Du bist ein kluger Junge. Manchmal ist es wichtig, eine Botschaft in den richtigen Worten zu hören."
"Und wenn der Bote meine Sprache nicht spricht!"
"Wähle einen Boten, der es tut. Findest Du keinen, schreib die Botschaft auf, und dann finde jemanden, der die Sprache des Boten spricht und ihm klarmacht, wem er die Botschaft überbringen soll."
"Das wär' mir nicht recht ... Kann ich dem denn vertrauen?"
"Das mußt Du wohl, mein Junge."
"Aber die Druiden sagen, der Schrift kann man nicht vertrauen, Vater. Sie lügt, sagen sie."
"Wenn Du es möchtest, kannst Du Lügen aufschreiben."
"Ja ..."
"Und wenn Du es möchtest, kannst Du mich mit Worten belügen. Du kannst Deinem Boten Lügen für mich aufsagen. Du kannst ihm auftragen, mich zu belügen. Dein Bote kann mich ohne Dein Wissen belügen. Du kannst sogar Lüge erwarten und doch die Wahrheit hören."
"Ja, aber ..."
"Ihr müßt vertrauen, Kinder! Und ihr werdet lernen, zu urteilen. Habt ihr Vertrauen gelernt, wird die Lüge schwach und verrät sich. Ihr werdet die Lüge erkennen, im Wort und in der Schrift."
"Aber wenn die Schrift doch immer lügt, Vater?"
"Dein Oheim ist Händler, richtig?"
"Ja, Vater."
"Würde er sich selbst belügen?"
"Wie sollte das möglich sein, Vater?"
"Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, daß er sich viel merken muß: Nachrichten aus vielen Gegenden, Preise für Waren, die Mengen dessen, was er einkauft und was er verkauft, die Höhe seiner Wechsel und Gewinne. Er wird sich nicht belügen, denn er wird wissen wollen, wie sein Gewinn ist, und er wird wirklich nichts vergessen wollen. Die Schrift hilft ihm."
"Wir sind aber doch keine Händler, Vater."
"Auch wir auf Katz treiben Handel. Wir haben viel zu tauschen und zu verkaufen und es gibt einiges, das wir kaufen müssen. Wir schreiben diese Dinge auf."
"Vater, aber wenn die Schrift nicht immer lügt, wieso sagen die Druiden dann, daß sie immer lügt?"
"Weil sie sie nicht selbst benutzen."
"Vater, wieso benutzen die Druiden die Schrift nicht?"
"Sie müssen sie nicht benutzen, weil sie einander alles erzählen, was sie wissen müssen. So lehren sie einander, so war es immer und so wird es immer sein. Ein Druide sagt einem anderen, wie die Dinge sind. Ein Pergament hat keine Stimme; es hat nicht erlebt, was es mir berichtet."
"Aber, Vater, wenn mir einer was erzählt, dann war ich doch auch nicht dabei!"
"Du hast recht."
"Wir könnten es genauso machen wie die Druiden, Vater."
"Das tun wir, mein Kleines. Jetzt, in diesem Augenblick."
"Aber ..."
"Ja?"
"Wozu müssen wir dann schreiben lernen?"
"Was tust Du, wenn Du von alten Zeiten hören willst?"
"Ich frage die Alten, Vater."
"Von Zeiten vor ihrer Zeit."
"Sie kennen Geschichten, Vater."
"Und: haben sie sie erlebt?"
"Bestimmt nicht ..."
"Wie willst Du dann wissen, ob es stimmt, was sie Dir erzählen? Wenn sie doch nicht dabei waren ..."
"Ich weiß nicht ..."
"Mein Kind, erzähl mir doch, wie Du zu diesem krummen Fuß gekommen bist!"
"Wie? ... Ach, ich war auf dem Feld und hab Schößlinge gesteckt, als Fredegar an mir vorbeigelaufen kam und mir blödes Zeug zurief, und da hab' ich ihn geschimpft und er dreht sich um und will wegrennen und dann hat er mich mit der Kiepe gestreift, daß ich umfiel und genau dem Gaul vor die Hufe und der ist draufgetreten."
"Hat es sehr wehgetan?"
"Oh ja, Vater."
"Erzähl die Geschichte Deinen Kindern, damit sie sie Deinen Kindeskindern erzählen."
"Ich hab' doch gar keine ..."
"Wenn Du alt genug bist."
"Aber, Vater, dann hab' ich das doch längst vergessen!"
"Erinnere Dich daran. Erzähl es Deinen Kindern."
"Was schert die das? Am Ende ist’s eine ganz andere Geschichte."
"So wird es sein."
"Ihr meint, Vater, wenn ich möchte, daß es meine Geschichte bleibt, muß ich sie aufschreiben?"
"Das denke ich, ja. Und würdest Du Lügen aufschreiben?"
"Ih wo!"
"Schrift lügt, sagen die Druiden ..."
"Dann sind die Druiden dumm!"
"Das sind sie nicht. Ihr Wissen um das Wesen der Welt und alles, was um uns herum ist, im Sichtbaren wie im Unsichtbaren, ist gewaltig. Wir können jeden Tag viel von ihnen lernen. Und doch haben sie eine Schwäche."
"Welche, Vater?"
"Sie können einen Fehler zweimal begehen."
"Das können wir doch auch."
"Und sie vergessen."
"Vater, aber das tun wir doch auch."
"Nicht, wenn wir schreiben. Die Druiden wissen eine Sache so lange, wie sie sie überliefern. Und dies werden sie so lange tun, wie diese Sache wichtig ist für das Leben der Menschen, die sie umgeben. So erinnern sie sich ein Menschenalter, einige Generationen, vielleicht viele Jahrhunderte lang an etas, das sie nicht vergessen wollen. Aber es kommt der Tag, da andere Dinge wichtiger sind und die eine Sache nicht weitergegeben wird. Sie wird vergessen."
"Und wo ist der Fehler, Vater?"
"Stellt euch vor, es war das Wissen um eine Gefahr: eine giftige Pflanze, einen heimtückischen Dämonen oder die richtige Art und Weise, einer Gottheit zu begegnen. Vielleicht haben meine Vorfahren die giftige Pflanze mit Stumpf und Stiel vernichtet, wo sie sie fanden und als es schien, dass es sie nicht mehr gebe, redete niemand mehr über sie. Doch sie überlebte und viele Jahre später finde ich eine und bereite mir einen Aufguß daraus, weil sie einem guten Kraut zu ähnlich sieht. Es ist mein Tod."
"Was ist mit der Gottheit, Vater?"
"Dafür seid ihr noch zu klein, meine Lieben, aber laßt euch gesagt sein, daß es Menschen gibt, die glauben, daß selbst die Götter sich an kleinliche Regeln halten. Ihr werdet noch viel darüber lernen, wenn ihr so lange durchhaltet, deshalb nur soviel: Die Götter bestimmen die Regeln, aber sie halten sich nicht daran. Das ist ihre Macht. ... Aber zurück zur Schrift: Wißt ihr nun, worin wir uns von den Druiden unterscheiden?"
"Wir machen keine Fehler und wir vergessen nichts."
"Das hättest Du wohl gerne, was? Nein, mein Kleiner, wir sind genauso menschlich wie sie, aber wir bedienen uns der Schrift als ein Werkzeug, um das Vergessen zu bekämpfen und Fehler zu vermeiden. Je wichtiger das Wissen, desto dauerhafter wird die Schrift sein müssen, und eines ist ganz wichtig: Jemand muß wissen, wo die Schrift zu finden ist, wenn ich sie brauche. Sonst war die ganze Mühe vergebens."
"Und dann, Vater?"
"So ich der Schreiber bin, spreche ich unmittelbar zu meinen Nachfahren, und bin ich der Leser, erfahre ich nicht nur das Was und das Wie, sondern auch das Warum. Wir achten die Vergangenheit als Quell der Weisheit und lernen daraus. Den Druiden ist alle Vergangenheit Gegenwart, solange das Wissen darum zählt. Und zählt es nicht mehr, vergeht es, noch über die Vergangenheit hinaus: es wird Vergessenheit. Aber sie sind darob nicht gram, denn so wie sie in der Welt leben, werden sie alles ein zweites Mal lernen und noch öfter."
"Ist es darum, daß sie unser Weistum nicht mögen, Vater?"
"Laß das Weistum noch warten, mein Kind, bleiben wir bei der Überlieferung. Es ist nicht so, daß die Druiden unser Wissen nicht mögen, wie Du sagst. Vieles war ihnen nicht wichtig genug, um es weiterzugeben, deshalb zählt es ihnen heute nichts mehr. Niemand kann sich bei den Druiden auf Altes berufen und erwarten, daß sie nicken und einlenken. Und wieso auch? Der Machthungrige stellt seine Gier auf rechtmäßigen Grund und behauptet, er stamme von diesem oder jenem ab. Der Starke nimmt sich die Macht, dem Klugen wird sie übergeben. Doch nur der Gierige braucht die Überlieferung, um seinen Anspruch zu stärken, aber er würde sie verfälschen, wenn es seinen Zwecken nützte."
"Ist das der Grund, warum die Druiden sagen, daß die Schrift lügt?"
"Das mag ein Grund sein, mein Sohn. Das Geschick eines Volkes darf nicht von einem Pergament getragen werden. Die Überlieferung der Druiden kann der Gierige nicht verfälschen."
"Wieso trauen wir dann der Schrift?"
"Tun wir das? ... Laßt euch nicht verwirren! Wir gebrauchen stets unseren Kopf und stets tragen die Schwestern und Brüder das ihrige bei. Oft gibt es mehrere Schriften über eine Sache und wir vergleichen, wir wägen ab. Doch niemals tun wir etwas auf diese oder jene Art und Weise, nur weil ein Vorfahr es so aufgeschrieben hat. Er war in seiner Zeit, wir leben in unserer. Alles ist im Fluß, alles verändert sich, deshalb kann er uns nur helfen, unsere Entscheidung zu verbessern, aber entscheiden müssen wir ganz alleine. Wir müssen Vertrauen lernen, in unsere Mitmenschen und vor allem in uns selber. Versteht ihr das?"
"Ja, Vater."
"Gut, meine Kinder. Lernt Vertrauen! Erhebt euch über den Zweifel! Befreit euch von der Macht des Wortes! Dann ist jede Lüge nur eine weitere Wahrheit. Und weil wir nun wieder nur geredet haben anstatt die Zeichen zu üben, gebe ich euch bis morgen auf, niederzuschreiben, was ihr heute gelernt habt."
"Aber. Vater ..."
"Ihr habt Glück: Ihr müßt nicht Pergamente schaben; wir haben neues Papier bekommen. Jeder nimmt sich einen Bogen mit. Und nun hinaus mit euch! Die Mittagsglocke ruft. Der Schöpfer segne euer Mahl!"

"Die Thuatha glauben an die Macht des Wortes. Vertrauenswürdige Menschen reden miteinander. Wer sich der Schriftform bedient, will betrügen, oder – und das ist eine der schlimmsten Beleidigungen – unterstellt dem anderen eine Betrugsabsicht."

(Steinkreis 210, S. 12f.)

 
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