Zurueck zum Herzen Die Thuathische Gesandtschaft zu Peutin
Wie Starkhand für Tir Thuatha in Sambur verhandelte.
Ereignisse aus der Zeit vom Sommer 1587 n.d.S. bis Einhornmond 1588 n.d.S.
 
 
Geleit
Land
Volk
Adel
Wappen
Weistum
Dank

Starkhand von Calan - Handschriften

Goldrain
11. Tag im Heuert 1587 nach dem Schwur

Gestern wurde ich von der Jagd ins Tal gerufen. Garwydd Siber Lobar hat Wort gehalten: ein Druide mit bewaffneter Begleitung traf ein, bei sich Gold, Taler, wie sie sie in Sambur verwenden, wohl über Tandor eingetauscht, und zwar reichlich: an zwanzigtausend werden es sein, morgen in der Frühe noch einmal zu zählen. Das nur, um sicher zu gehen. Ein unverschämter Bursche, den der Herr da geschickt hat, den es schon wurmte, daß ich, seiner Beteuerung zum Trotz, er habe die richtige Menge angegeben, es wagte, das Gold zu schätzen.
An sechshundert ausgebildete und aufgezäumte Rösser liegen da in meinen Truhen, und doch werde ich Mühe haben, damit übers Jahr zu kommen, wenn ich all das tue, was ich damit tun muß.
Der Druide, Fednagh mit Namen, sandte mir Nachricht von seinem Herrn:

"Meinem Gesandten Cwmachdod sende ich dies Gold. Tue er sein Bestes! Und wisse Er, daß es selbst dem Herrscher nicht leichtfällt, eine solche Menge auf einen Schlag herauszugeben. Erkenne Er daran, wie wichtig Seine Aufgabe ist!"

Und das hier fuchste mich an der Ansprache:

"Treue Erfüllung Seiner Aufgaben sichert Seinem Volk und Seinem Land Calan den Frieden."

Der Bote hat diesen Satz besonders laut vorgetragen. Das muß dem Gedemütigten eine Wonne gewesen sein.
Zum Schluß gab es Anweisungen, deren eine Sambur eine Gnade zuteil werden läßt, die ich nicht so bald gewähren würde. Eine andere läßt mich ein wenig ruhiger schlafen: Garwydd Siber Lobar sucht eine Frau. Nicht irgendeine, nein, er kannte sie bereits und verlor sie wieder. Und nun bittet er mich um Hilfe. Der Druide ist also auch nur ein schwacher Mensch. Doch warum verlangt es ihn nach einer Seelenjägerin?

Zu Bett. Bald ist Erntezeit. Ich muß Vorkehrungen treffen, wenn ich fort will.

Paraphe Starkhand



  Koenig Cebruu

Ernting am Frühlingspfad: das beste Wetter, gangbar die Joche, die Berge freundlich wie nie - Zeit, Abertausende der prachtvollsten Äpfel von den Zweigen zu pflücken, und dazu unzählige Wagenladungen der köstlichsten Früchte. Die Kirschen lagen längst im Glas oder schwammen bald als klarer Geist in Heerscharen schlanker Flaschen. Allerlei Beeren, ob wild oder den zahllosen Gärten erwachsen, füllten die Töpfe mit Marmelade und Mus, oder taten es den Kirschen nach und verdrehten als Wässerchen den Leuten den Kopf. Doch das Gold der Ernte waren Äpfel und Birnen, erstmals wieder zahlreich nach dem Schreckenswinter - noch zeigten sich die Pflanzungen gelichtet, noch war zu ahnen, daß es wohl an zehn Jahre brauchen würde, bis alles verheilt war, das der lange Frost gefressen hatte. Heilung aber kündigte sich an, auch beim Wein: gesund stand er, in vollem Saft und wenn die Sonne weiter gnädig schien, dann würde er so manche Träne tilgen können, der 1587er. Als 2087er Natzer Sonnenberg würde der Wein im folgenden Jahr auch nach Andelkrag gehen, in die Feste des Markgrafen Krysthan.
    Starkhand ließ Andelkrag links liegen, denn sein Weg bog hinter dem Grampian nach Süd ab; keinen Blick würde er haben für den Zauber der Seen und Moore. Es ging nach Peutin. Eine Reise von acht Tagen mit diesem Gefolge.

"Ich darf Eurer Hoheit mitteilen, daß es Garwydd Siber Lobar, der seit dem vergangenen Winter die Geschicke von Tir Thuatha lenkt, beliebte, mich zu seinem Gesandten in clanthonischen Angelegenheiten zu befehlen. Wenn Ihr geneigt seid, Gespräche mit Euren Nachbarn aufzunehmen, nennt meinem Boten eine Zeit, die Euch genehm erscheint, und ich werde Euch zur Verfügung stehen."

Starkhand hatte einst gelernt, Sätze wie diese, von süßlicher Art, zu verfassen, doch es behagte ihm nicht. Darum war das auch schon die ganze Botschaft gewesen. Und der Truchseß von Clanthon, an den das Schreiben gerichtet war, hatte umgehend geantwortet, ohne das Maß an Verzögerung, das Herrschern und Faulpelzen zu eigen war, jedoch mit Aufmerksamkeiten, die gar nicht erbeten worden waren:

"Eure Nachricht hat in Peutin große Freude verursacht. Die Kunde von der Geneigtheit der Thuatha macht uns froh, aber auch die Artigkeit, mit der Euer Bote unsere Neugier stillte. Reist an, sobald Ihr es vermögt. Zu Eurem Vorteil sendet Nachricht voraus, wie groß Euer Gefolge sein wird und wie die Herberge beschaffen sein soll. Nennt auch Wünsche, die das Wohlergehen betreffen. Wir wollen sie nach Kräften erfüllen. Euer Bote überreicht Euch Meinen Geleitbrief, damit Ihr nicht aufgehalten werdet."

Das Ganze verziert mit den höflichsten Grüßen - Starkhand hatte mehr Stolz erwartet, doch er erinnerte sich, daß Truchseß Kai von Schwartzensteyn den übrigen Clanthern in Möllbarths Gefolge nur wenig ähnelte. Und der Geleitbrief bewies das Gewicht, das dem Wort des Truchsessen innewohnte, denn nirgends wurden sie lange behelligt.
    "Ein braves Volk!" sagte ein Laighinn-Ritter aus dem Gefolge. "So folgsam, den Mühen zum Trotz. Ist das denn zu fassen?" Er lachte lauthals.
    "Sie vergelten Treue mit Treue, das ist wahr", sagte Starkhand. "Aber glaubt mir, Maranor: Gehorsam wird auch in Sambur mit dem Stahl gemacht. Folgsam aus Liebe sind hier nur die Dummen."
    Mehr wollte er nicht sagen. Der Hohn des Thuatha auch ihm gegenüber, dem "Clanthonier", wie man jetzt sagte, entging ihm nicht. Aufsässigkeit war in vielen Thuathasippen eine Tugend der Krieger. Starke Anführer wußten ihr zu begegnen.

"Richtet bitte Auslauf und Futter für sechzig Pferde. Wir möchten in angemessener Weise vor den Toren von Peutin lagern. Zelte von der Art, wie Eure Ritter sie im Felde benutzen, genügen uns vollauf. Wir reisen mit drei Dutzend, davon zwei Dutzend Ritter, die sich gern hart betten. Wir speisen, was den Euren genügt. Unser Bad soll kalt und frisch sein."

Starkhand grinste. Zwölf der Ritter waren Laighinn, und wenn auch keine Tunichtgute wie mancher, so doch allerlei Annehmlichkeiten gewohnt, und gäbe es kein warmes Badewasser, könnten sie wohl aufsässig werden. Im Aufsässigsein glichen sie den übrigen Stämmen. Er schnalzte mit der Zunge und sprengte voraus.
    "Warum so eilig?" rief ihm einer hinterher.
    "Ach, ich möchte nur schon sehen, ob wir auch recht empfangen werden!"

Nach acht Tagen rascher Fahrt erreichte die Gesandtschaft ihr Ziel, Peutin, die Goldene, wie sie ihres prunkvollen Schmuckes wegen genannt wurde. Noch wuchs die bisher nie fertiggestellte Pracht - abermals, denn nach der Zerstörung durch Feinde und den langen Winter und der Vertreibung vieler Einwohner war immer noch viel aufzubauen und herzurichten.
    Am 9. Tag im Ernting überstiegen sie eine der wenigen flachen Hügelketten der Ebene und erblickten in der Ferne die Türme der Stadt, dazwischen endlos wogend reifes Korn, über dem die Luft in der Hitze des Nachmittags waberte.
    Starkhand gebot Halt.
    "Absitzen!"
    Behäbig kam das Gefolge seiner Aufforderung nach, etwas frischer die calanischen und laighinnschen Ritter, der Hitze wegen schimpfend die übrigen Begleiter, unter denen sich neben Calans Herold Hentze Blader zu Loon Abgesandte der Stammkönigreiche befanden, Männer und Frauen verschiedener Berufe, Edle und Gemeine.
    "Es ist nicht mehr weit, wie Ihr alle seht", sagte Starkhand, "und sicher ist unser Kommen schon gemeldet worden. Also schimpft nicht, sondern malt Euch die Erfrischungen aus, die uns erwarten."
    Ein Ruf nach Bier erscholl; Lachen war die Antwort.
    "Noch zu Späßen aufgelegt? Das ist schön. Dann macht es den Rittern also nichts aus, sich für den letzten Ritt in volle Farben zu hüllen." Starkhand hörte Widerspruch, doch er blieb beharrlich: "Volle Farben, sage ich, Lanze an der Hand, Schild am Sattel, dazu Kettenhemd und leichte Haube. Den Rest erlasse ich Euch, der Sonne wegen." Er wandte sich den mitgereisten Thuatha zu. "Euch möchte ich bitten, das leichte Kleid gegen etwas kostbareres zu tauschen. Es muß kein Festgewand sein, doch Ihr sollt den Augen unkundiger Clanthonier nicht wie Diener erscheinen. Haltet auch Zeichen Eures Standes bereit."
    Leise murrend kamen die Ritter seinem Befehl nach: die zwölf aus Calan trugen Wappen vom Frühlingspfad zur Schau; die Laighinn benutzten Farben von etwas anderer Art, ungemein prächtig gearbeitete Gewänder mit viel Gold und edlen Steinen daran, weniger von alter Herkunft kündend, sondern mehr vom großen Reichtum des Landes.
    Starkhand und Hentze taten es den Rittern gleich, legten aber auch eiserne Schienen an Arme und Beine, sowie leichte Brünnen an den Hals. Hentze trug die Farben von Calan, während Starkhand die von Himmelswehr wählte. Schließlich gürteten sich alle mit langen Schwertern; Hentze nahm den Heroldsstab dazu.
    Die Thuatha waren rascher gewandet: ein edles Kleid hier, der Mantel eines Druiden dort, eine kostbare Flöte im Futteral, eine umgehängte Sackpfeife, ein Stab als Zeichen besonderer Würde - dazu trugen die meisten den Torg, einen kostbaren Halsreifen.
    "Aufsitzen!" befahl Starkhand. "Herold! Ab jetzt blast Ihr Zeichen, jede Weglänge einmal!"
    Sie trabten an, in Zweierreihen, Hentze voran, daneben der Herr von Himmelswehr, die übrigen hinterdrein, prachtvoll anzuschauen, aber ein jeder gespannt das Kommende erwartend. Und nicht der Hitze wegen sprachen sie kaum.

Die Bauern der Goldrittermark zogen die Köpfe zwischen die Schultern, als sie es hörten, das Donnern Hunderter Hufe und die hellen Hornsignale, von Singen her nach Süd strebend. Was würde es diesmal sein? Sicher kein Feind. Vielleicht aber ein kleines Heer, heimkehrend von einer Übung, die Fluren nicht achtend, und wieder ein paar Scheffel den Spielen der Clanthern geopfert. Oder die Garde, wie stets achtlos vorbeijagend, ein paar Edle oder gar den König begleitend? Hol die Kinder rein! riefen sie jetzt, und: Jag die Hühner ins Gebüsch! Damit sie nicht zertrampelt würden.
    Da! Jetzt sah man sie kommen! Dutzende Berittene, in schneller Paßgangart gen Peutin reitend. Aber es waren fremde Farben, die niemand hier kannte, nicht mal die altvorderen Landsleute, die so viel wußten über die alten Zeiten, denen sie entflohen waren. Und ganz Fremde waren darunter, prachtvoll gekleidet, und solche, die wild dreinblickten. Da, einer mit stacheligem Haar und blauer Zeichnung im Gesicht! Waren das nicht Thuatha aus dem Nor, wie sie auch in Sambur noch zu finden waren? Aber diese hier waren bestimmt Krieger. Schließt das Tor! Laßt euch nicht sehen! Obacht, obacht! riefen die Bauern. Die Angst ging um.

Die Sonne des Abends übergoß die Mauern Peutins mit ihrem Gold und die Gluthitze des Tages wich einer kühlen Brise. Da schallte den fremden Reitern vielfaches Hornblasen und Getrommel entgegen und sie wurden gewahr, daß beiderseits der Straße Flaggenmasten den Weg säumten, das goldene Einhorn auf schwarzem Grund präsentierend und den Steinkreis des Nors.
    Starkhand ließ die Seinen verlangsamen. Im Schritt näherten sie sich den Stadtmauern, die Melk, den Fluß der Peutins Gräben speiste, zur Linken. Vor ihnen, zwischen der Straßen und dem Wasserlauf, erhob sich eine kleine Stadt aus Zelten, einladende Häuser aus Tuch, rundherum mit Wimpeln in allen Farben bestückt, verbunden durch frisch gestreute Wege aus Rinde und Holzspänen, in zwei Reihen auf ein riesiges Zeltdach hinführend, das wohl an zwanzig Schritt hoch sein mochte, rundherum offen, erleuchtet durch zahlreiche Feuerschalen, deren Flammenglanz das Abendrot bald überstrahlen würde.
    "Halt!" Starkhand hob die Hand und ließ seinen Blick über die Reihen derer schweifen, die seine Gastgeber zum Empfang aufgeboten hatten.
    Drei Reihen tief standen sie zu beiden Seiten des Weges, Musikanten zuerst, dahinter Fackelträger: Bewaffnete zu Fuß, und zum Schluß Berittene. Er schätzte sechs volle Hundert und versuchte, die Farben zu lesen: Männer und Frauen der Stadtwache sah er, Clanthonier verschiedener Heeresteile, aber auch das Schwarz und Silber und Gold der Königsgarde. Vor dem Zeltdach am Ende des Weges gewahrte er eine Gruppe Menschen, die still verharrte, ihre Gastgeber, wie er annahm.
    Nun gut, man wollte ihn beeindrucken. Das war Teil des Spiels. Er befahl abzusitzen und ließ seine Ritter mit Lanze und Schild antreten. Sofort eilten Knechte herbei, die sich der Pferde annahmen.
    Starkhand und Hentze schritten voran, die thuathischen Abgesandten hinter ihnen, geleitet von den Rittern zur Linken und zur Rechten. Kaum, daß sie sich in Bewegung gesetzt hatten, stimmten die Musikanten einen neuen Ruf an, schmetternd und donnernd die Schritte der Gäste aus Tir Thuatha begleitend. Starkhand grüßte die Ritter dahinter mit der Hand am Helm. Die im Spalier standen, blickten starr geradeaus, nur die jeweils zwei Schritte voraus Stehenden drehten den Kopf kurz und ruckartig zur Seite, um die Näherkommenden anzusehen. Starkhand wußte, daß der Heeresdienst in Sambur auch solch dumpfe, sich stets wiederkehrende Übungen vorsah.
    Das Herz wurde ihm leichter dadurch und die festgefügten Reihen der Clanthonier wirkten auf einmal wie Puppen, die an unsichtbaren Fäden hingen. Ein Lächeln schlich sich in seine Mundwinkel, die von einem wohlgestutzten Kinnbart umrahmt wurden.
    Da endete das Spalier und mit ihm die Musik. Ein Gardist mit Hellebarde versperrte den Weg. Langgezogen rief er seine Frage in die plötzliche Stille, die nur von fernem Wiehern gestört wurde.
    "Wer kommt da auf Peutin?"
    Calans Herold gab Antwort:
    "Die Stämme von Tir Thuatha und die ihnen verbundenen Völker, deren Beherrscher Garwydd Siber Lobar ist, Erbe der Macht auf dem Purpurthron zu Dhanndhcaer, Nachfolger des mächtigen und gütigen Hochkönigs, des Dhanndh Hägor ra Manan, wünschen ihre heimgekehrten Nachbarn in Clanthon zu begrüßen!" Hentze Bladers Stimme, die aus einem gewaltigen Brustkorb emporstieg, war weithin zu hören.
    "Für sie spricht des Garwydds Gesandter, Starkhand von Calan, genannt Cwmachdod ra Mortael, Fynn vom Pfad des Frühlings in Tir Laighainn und Herr von Himmelswehr!"
    Starkhand sah sich nicht nach dem Druiden um, den Siber Lobar an seine Seite befohlen hatte. Diesem mußte klar sein, daß Hentze die Spitzen, wie sie am Hof zu Dhanndhcaer verkündet worden waren, nicht wiederholen würde.
    "Was ist Euer Begehr?" fragte der Gardist, die Silben lang dehnend.
    "Tir Thuatha, vertreten durch diesen Gesandten, wünscht, in Frieden und Eintracht zu beraten mit jenen, die in Clanthon herrschen!" antwortete Hentze.
    Aufmerksam las Starkhand in den Gesichtern der Clanthern, die sich hinter dem Gardisten aufgebaut hatten. Er hatte Hentze angewiesen, des Möllbarths Namen nicht in den Mund zu nehmen, selbst für den Fall, daß der König seine Behausung verlassen hätte, um sie zu empfangen. Der Möllbarth der Überlieferung war für kundige Thuatha immer noch der Thronräuber und Verderber des Reiches. Das mußten die Clanthern wissen. Doch sie regten sich nicht.
    "So seid Ihr die geehrten Gäste, die wir erwarten!" meldete sich der Gardist ein drittes Mal. Dann trat er beiseite und fuhr fort: "Es heißt Euch willkommen der Truchseß von Clanthon, Kai von Schwartzensteyn, Markgraf und Stadtherr von Rotturm, im Namen des Königs Herrscher in Clanthon!" Leises Trommeln begleitete die Ankündigung. "Ihm zur Seite seht Ihr Eure Gastgeberin, die Herrin von Peutin, Adikema, Gräfin der Goldrittermark und Baronin von Kaubenbruch."
    Starkhand verbeugte sich vor dem Truchseß und der Gräfin, die jedoch noch zu weit weg standen, als daß Worte hätten gewechselt werden können. Noch mußten weitere Würdenträger vorgestellt werden; gerade war der Vertreter des Erzherzogs an der Reihe. Danach erblickte er zum ersten Mal den berüchtigten Albghinn, dessen Nennung erst an vierter Stelle beredtes Zeugnis ablegte.
    "Für den Clanthernstande tritt Euch entgegen der Kämmerer von Clanthon, Pendror ra Ys." In Gedanken fügte Starkhand hinzu: dereinst Stammkönig von Tir Albghainn, Möllbarths Erwecker, Erneuerer des Reiches, Spielzeug der Mythanen, der großen Macht beraubt.
    Starkhands Verbeugung fiel knapp aus. Verwundert nahm er zur Kenntnis, daß Pendror nicht ihn ansah, sondern jemanden im Gefolge des Truchsessen. Er fand nicht heraus, wen der Albghinn anfunkelte, denn nun schritt der Truchseß auf ihn zu. Der schwarz gewandete Hüne überragte ihn um mindestens einen Kopf. Mit einem Lächeln streckte Kai von Schwartzensteyn ihm eine bärenhafte Pranke entgegen. Starkhand ergriff sie und spürte, daß die Kraft dieser Hand ihrer Größe entsprach.
    "Willkommen in Clanthon, Gesandter! Und Friede Euch und Eurem Gefolge, solange ihr unsere Gäste seid."
    Die andere Pranke hatte sich um Starkhands Unterarm geschlungen.
    "Ich danke Euch für den Empfang, Hoheit. Ich erwidere den Friedensgruß und wünsche einen guten Stern auf uns herab."
    Nun ließ von Schwartzensteyn ihn los.
    "Es war ein weiter Weg, Herr ... verzeiht meine Unkenntnis, aber welche Anrede gebührt einem Fynn?" Die Frage des Truchsessen klang so arglos, daß Starkhand keinen Spott darin finden konnte.
    "Das Volk sagt ,Herr‘, in Calan auch ,Euer Gnaden‘, doch uns soll der ,Herr‘ genügen, Hoheit."
    "So gereicht der ,Herr‘ auch mir zur Ehre. Das ,Hoheit‘ hat des Trennenden zuviel, zumindest für den Anlaß hier."
    Er wies ins Rund und bedeutete Starkhand, auf die Clanthern zuzugehen, damit sich auch die übrigen Würdenträger ihm vorstellen könnten.
    "Ein weiter Weg also ..."
    "... dessen Anfang wir beschritten haben", unterbrach Starkhand den Truchseß. Schwartzensteyns Herzlichkeit war einnehmend, doch Starkhand wollte nicht den ganzen Abstand aufgeben. Und so begrüßte er die versammelten Clanthern, formvollendet, aber kurz angebunden. Sie waren die Heimkehrer, nicht er. Es war an ihnen, dankbar zu sein.

Nachdem jeder von ihnen zwei Dutzend Hände geschüttelt hatte, entließ man sie erst einmal, damit sie den Staub des langen Rittes ablegen konnten. Starkhand fand alles so, wie er es gewünscht hatte: nur nicht zuviel der Wohltaten, das war schlecht für die Wachsamkeit. Den bereitstehenden Diener schickte er fort.
    Hentze und er halfen sich gegenseitig aus den eisernen Hemden, genossen ein kühles Bad und legten Festgewänder an. Ein Schluck vom bereitstehenden Wein - "Es muß geheime Vorräte in Sambur geben." -, dann traten sie ins Freie, um nach den Ihren zu sehen. Sie hatten Zeit: das Festessen zu ihren Ehren sollte erst beginnen, wenn die Sonne ganz untergegangen war.
    Der größere Teil des Spaliers war abgerückt, die übrigen Bewaffneten hatten Posten außerhalb des Lagers bezogen. Unter dem großen Zeltdach wurde emsig alles für das Mahl hergerichtet.
    "Zufrieden, Calan?" fragte der Schwertmeister.
    "Ich hatte es karg bestellt, Hentze, und das hätte genügt", erwiderte Starkhand. In diesem Moment wurde er gewahr, wie ein nur mit einem Lendentuch bekleideter Laighinn-Ritter den Weg entlangging, ein zweiter folgte ihm, dann ein dritter. Sie alle traten aus einem abseits gelegenen Zelt, aus dem Licht, Lachen und Dampfschwaden nach außen drangen.
    "Was zum Henker ...!" Starkhand blieb stehen und stemmte die Fäuste in die Seiten.
    "Ein Bad, wenn Ihr mich fragt." Hentze kratzte sich den massigen Schädel. "Wollt Ihr etwa ...?"
    "Lassen wir sie gewähren. Einstweilen. Aber wenn sie alle heraus sind, werdet Ihr ihnen nacheinander ins Gewissen reden. Wir sind in der Fremde und sicher keine Gäste, denen man größere Liebe entgegenbringt. Schärft ihnen ein, daß sie wachsam sein müssen: keine Verbrüderung, keine Trinkgelage und sie sollen die Finger von den Mägden lassen! Wenn sie murren: um so besser."
    "Das alles kann ohne Hintergedanken ..." Hentze vollendete seinen Satz nicht.
    "Bevor ich’s vergesse: des nachts will ich vier Wachen um das Lager haben, doppelt, drei Kerzen lang jede, da kommen sie alle mal dran!" Starkhands Mißtrauen war ihm wie ins Gesicht gemalt.
    Hentze verzichtete auf weitere Worte, sondern ging, den Rittern mitzuteilen, was der Herr befohlen hatte.
    Starkhand hingegen sah nach den thuathischen Abgesandten und fand, daß ihre Gastgeber an alles gedacht hatten: die Dienerschar konnte jeden Wunsch erfüllen.
    "Als wüßten sie, wie wir es daheim lieben", sagten die Nemhedhinn-Schwestern, Händlerinnen von der Küste. Das war gut möglich, dachte Starkhand, immerhin hatte Möllbarths Ruf auch thuathische Edle angezogen, allen voran den abtrünnigen ra Ys.

Das Fest begann. Über zweihundert Clanthern, in Peutin weilende Edle anderer Völker, Händler, Gelehrte, aber auch Hauptleute des clanthonisches Heeres, waren geladen. Sie alle wurden namentlich vorgestellt. Ein jeder setzte sich, trank der Gesandtschaft zu , tuschelte mit Nachbarn, nickte, lächelte - Starkhand kannte dieses Bild schon aus Dhanndhcaer.
    Als alle Gäste eingetroffen waren, wurden der Gesandte und sein Herold abermals vorgestellt, hernach die zwölf Abgesandten aus Tir Thuatha, allen voran Fednagh, ein Druide aus Siber Lobars Gefolgschaft, der mit einer Gehilfin reiste, die Bolghinn-Edle Nedwy, die sich als Kriegerin und Pferdezüchterin einen Namen gemacht hatte, zwei Cladhinn, ein Krieger und ein Barde, die beiden Schwestern aus Dinas Druidh als Kundige des thuathischen Handels, ein Ollabhe aus Tir Krye und ein solcher aus Dhanndhcaer, woher auch der junge, calanische Gelehrte Thile Molsberg angereist war. Die übrigen beiden waren Danannain: Yerddym, ein Jüngling, und Norna, eine alte, hagere Frau, der eine Reihe Zähne fehlten.
    Niemand wußte, warum sie für diese Reise ausgewählt worden waren, die beiden sprachen nicht darüber. Der Junge sah aus wie ein Krieger, der nach Bewährung suchte, Norna hingegen übersetzte ihm alles und lächelte stets, wenn ihr etwas Schönes auffiel.
    Starkhands Anspannung verflog etwas, als er feststellte, daß seine Tochter nicht zu den Gästen zählte. Es wäre ihm sehr schwer gefallen, ihr höflich zu begegnen. Als er weiter darüber nachdachte, fiel ihm auf, daß keiner der Clanthern, die der clanthonische Kronrat mit Lehen auf thuathischem Gebiet bedacht hatte, anwesend war. Es waren überhaupt nur zwei Markgrafen erschienen: die Herrin Adikema natürlich und der Truchseß, der auch über Rotturm gebot. Er fragte sich, was das wohl bedeuten mochte: hatte es mit dem Maß an Wertschätzung zu tun, das man ihm entgegenbrachte? Viele der geladenen Clanthern zählten zu der Sorte Nichtstuer, die nicht nur ihm verhaßt war. Beruhigend daran war nur, daß er mit diesen wohl nicht verhandeln mußte - schließlich wurden sie bereits für ihre Faulheit ausreichend entlohnt.
    Nachdem die Vorstellung beendet war, überreichte Starkhand der Herrin von Peutin das Gastgeschenk: einen nahezu kopfgroßen Bergkristall von außergewöhnlicher Reinheit, der aus einem Stück Fels zu wachsen schien.
    "Sein klarer Blick wird auch durch Zauber nicht getrübt, Herrin. Schaut hinein, wenn Ihr aufgewühlte Gedanken beruhigen wollt."
    Anschließend hielt der Kämmerer eine Rede. Sie war nicht zu lang, doch das änderte nichts an Starkhands Hunger. Er sah in die Runde und entdeckte andere, die hungrig dreinblickten: sie spielten unruhig mit dem Eßbesteck. Die meisten Clanthern jedoch hingen an Pendrors Lippen und bewunderten den hageren, langnasigen Mann, der seine Würde als thuathischer Righ für den Platz an der Spitze von König Möllbarths Gefolge aufgegeben hatte. Fednagh und ein paar andere Thuatha musterten Pendror mißtrauisch, denn genauso wie Starkhand suchten sie in jedem Satz nach Seitenhieben und Anspielungen. Und wo seine Sätze nichts als reine Freundlichkeit waren, mußte wohl das an sich der Spott sein. Oder doch nicht?
    Starkhand wischte den Gedanken beiseite. Er würde mit dem Truchseß verhandeln, nicht mit dem Kämmerer.
    "... und bevor wir die Köstlichkeiten der Peutiner Küche genießen, möchte ich dem Gesandten die Möglichkeit geben, ein paar Worte an uns zu richten."
    Starkhand schreckte hoch; Beifall für den Kämmerer kam auf. Er würde jetzt nicht einfach abwinken können. Langsam erhob er sich, nickte dem Kämmerer zu und wartete, bis wieder Ruhe eingekehrt war.
    "Ich danke für die wohlgewählten Worte." Das eine zu denken und doch das andere zu sagen - Starkhand atmete tief durch. "Ja, ich habe zu danken: für den herzlichen Empfang und für den Frieden. Ich habe zu danken für Gelassenheit und Einsicht, denn sonst wäre ich kein geehrter Gast, sondern nur Reisender in einem wüsten Land. Und ich danke dem Schöpfer: für das Ende des Winters und die Gnade des Lebens."
    Starkhand hielt kurz inne. Er sah, daß viele etwas anderes von ihm erwarteten: die Fortführung der gegenseitigen Lobpreisungen, sinnlose Höflichkeiten oder gar einen kunstvollen Scherz.
    "Ich danke also. Doch verzeiht mir: unser Ritt war lang und nun bin ich hungrig. Laßt uns gemeinsam essen, dann redet es sich leichter."
    Er verbeugte sich andeutungsweise und setzte sich. Der Beifall war sehr anständig und Rufe bewiesen ihm, daß auch die Nichtstuer unter den Gästen zu essen wünschten.
    "Danke", flüsterte Hentze ihm zu. "Mein Magen hatte mir schon den Krieg erklärt. Was wird es wohl geben?"
    "Pferd?" Starkhand grinste. "Davon verstehen sie was."

Das Fest zu Ehren der Gesandtschaft dauerte bis weit nach Mitternacht. Die Speisen waren vorzüglich und alles kam reichlich auf den Tisch. Starkhand erkannte einiges wieder, denn die Küche hatte sich Mühe gegeben, Leckereien aus ganz Ageniron vorzustellen. Manche Verzierung verwirrte allerdings; der junge Yerddym schnupperte hier und da mißtrauisch und aß vornehmlich von den Sachen, deren Ursprung noch zu erkennen war. So freute er sich besonders über einen Hasen, der ganz artig auf einer Platte saß. Dann wunderte er sich, daß dieser sein Fell noch hatte. Schließlich entdeckte er, daß das Tier zur Gänze mit Pastete gefüllt war - das Fleisch war ausgelöst, zubereitet und dann wieder um die Knochen herum geformt worden. Fell und gläserne Augen ließen den Hasen lebensecht wirken. Yerddym fluchte mißgelaunt.
    Begleitet wurde das Mahl von Musikanten, die die kunstvollen Darbietungen der Gaukler mit fröhlichen Weisen umrahmten. Als zum Ende der Speisenfolge Platten mit Süßigkeiten aufgetragen wurden, machten die Künstler einem Tanzmeister Platz, der den Gästen jene Tänze ansagte, die bei Hofe gerade bevorzugt wurden.
    Als Starkhand sich erhob, um diesem Trubel zu entgehen, gesellte sich der Truchseß, der ihn schon während des Essens unterhalten hatte, zu ihm und fragte:
    "Wonach steht Euch der Sinn?"
    "Gewährt mir nur ein wenig frische Luft und klaren Blick auf die Sterne." Er faßte sich an den Bauch. "Ich fühle mich auf’s vortrefflichste gesättigt, doch jetzt müssen sich all die Speisen erst einmal einen Platz suchen." Er zeigte Hentze mit einer Geste an, daß er sich entfernen würde. "Wollt ihr mich begleiten?" fragte er den Truchseß.
    "Gern."
    Gemessenen Schrittes durchquerten sie das Lager und genossen die Ruhe, als die Musik hinter ihnen zurückblieb. Starkhand hielt nach den Rittern Ausschau, die Hentze für die Wache eingeteilt hatte. Als sie eine Wache passierten, grüßten die Ritter.
    "Eure Männer könnten sich ausruhen", sagte von Schwartzensteyn vorsichtig.
    "Sie tun nur ihre Pflicht. In Euren Heeren wird auch sehr hart gearbeitet, hörte ich." Starkhands Blick fiel auf die Postenkette, die das ganze Lager umschloß.
    "Wohl wahr. Die unsrigen werden jedoch viel seltener zum Essen eingeladen", witzelte der Truchseß, um gleich darauf über seinen eigenen Scherz zu lachen.
    Langsam umrundeten sie das Lager, bis sie an der Seite ankamen, die der Stadtmauer zugewandt war. Ein paar hundert Schritt entfernt lag der erste Graben; in seinem Wasser spiegelte sich das Licht zahlreicher Fackeln, die auf den Zinnen steckten.
    "Sind die Wehren immer so stark besetzt?" Starkhand glaubte zu sehen, daß sich eine große Schar Menschen auf der Mauerkrone drängte.
    "Schaulustige, nehme ich an. Eure Ankunft ist Tagesgespräch in der Stadt. Und denkt Euch: die Vorbereitungen für unser Treffen lösten das Gerücht aus, es würden Hunderte blau bemalter Wilder nach Peutin kommen." Wieder lachte Kai von Schwartzensteyn sein tiefes Lachen, das gleichzeitig ein wenig jungenhaft klang.
    "Man hat nicht etwa Angst vor uns?"
    "Nicht jene aus der altvorderen Zeit: diese wundern sich vielleicht über das Gebaren Eurer Laighinn ..." Der Truchseß führte nicht aus, was daran so merkwürdig war, sondern sagte mit ernster Stimme:
    "Ich will nicht verhehlen, daß Euch hier und da Unmut entgegenschlägt."
    "Wißt Ihr den Grund?" Doch Starkhand kannte die Antwort bereits.
    "Des Krieges wegen. Die einen wettern, Tir Thuatha habe den Ageniron-Pakt gebrochen, die anderen beklagen, daß aus dem Nor keine Hilfe kam." Hörbar rang der große Mann, der einst ein gefürchteter Söldner gewesen war, seine Gefühle nieder.
    "Ich will so ehrlich sein wie Ihr, Herr von Schwartzensteyn. Fragt in Dhanndhcaer nach dem Pakt und Ihr werdet zu hören bekommen, daß die thuathischen Heerführer Befehl erhielten, das ferne Drachenland zu unterstützen, und weil dieses von Albyon angegriffen wurde, wurde der Pakt gekündigt - das eine Bündnis stach das andere aus."
    "Das erklärt noch nichts", stellte der Truchseß ruhig fest.
    "Über die Gründe des Angriffs auf Sambur werdet Ihr in Tir Thuatha nichts erfahren. Ich und die Meinen, wir waren froh, nicht zum Kampf gegen Clanthonier gedrängt zu werden, und wir fanden immer wieder Hinweise auf Reue: Tandor wurde nicht angerührt, Flüchtlinge blieben unbehelligt, und die Befehlshaber beteuerten immer wieder, nie gegen Agenirer vorgegangen zu sein." Starkhand hob die Schultern in einer hilflosen Geste. "Sehen wir den Dingen ins Auge: Es ist erst acht Jahre her, daß das neue Clanthon nach Sambur einzog. Für Erainn und Albyon war Clanthon das Fremde. Die kleinste Unstimmigkeit genügte, sie ihre Großzügigkeit bereuen zu lassen. Natürlich ist auch das keine wirkliche Erklärung."
    "Ihr sagt es." Der Truchseß war nun gar nicht mehr jungenhaft; sein Gesicht wirkte verhärmt.
    "Den Dingen ins Auge sehen, mein Herr ..." Starkhand grübelte, wie er fortfahren konnte, ohne sein Gegenüber zu reizen. "Herrschaft kann ein übles Geschäft sein. Manchmal zählen wir die Menschen wie Dinge und rechnen mit ihnen. Die Herrschaft zieht einen guten Schluß selbst dann noch, wenn das Leid schon ganze Sippen ins Unglück stürzt." Er suchte den Blick des Clanthoniers und hielt ihn fest. "Wir dürfen annehmen, daß Tir Thuatha in der Zeit seit Clanthons Wiederkehr mehr Menschen durch inneren Streit verloren hat als Ihr durch diesen dummen Krieg." Er hob die Hand. "Bitte, sagt nichts. Die größten Opfer der letzten Jahre aber hat doch der Schreckliche Winter gefordert, und das ohne Ansehen der Herkunft. Wenn wir Herrschaft sind, ziehen wir nun den Schlußstrich."
    "Das ist zu einfach, Gesandter." Der Truchseß schüttelte den Kopf.
    "Wie wollt Ihr es sonst machen? Es bleibt ein Schmerz, aber leben müssen wir doch damit." Starkhand berührte den anderen am Ellenbogen; sie nahmen ihren Rundgang wieder auf. "Ich sage nur, daß wir den Streit als Teil der Welt annehmen sollen. Er ist in sich göttlicher Natur und wir Menschen sind nur Staub, der im Streit verweht wird. Erkennt es am Schrecklichen Winter, seht, daß dadurch soviel mehr Leben genommen wurde als Streit unter Menschen es je vermag. Und seht dann auch das Tröstliche: daß wir allen unseren Fehlern zum Trotz wieder zusammengefunden haben, daß Clanthon heimgekehrt ist."
    "Ihr vermögt gewählt zu reden, Gesandter, und ich gebe Euch recht. Die Einsicht des Herrschers aber dämpft nicht den Zorn des Schmerzbeladenen." Von Schwartzensteyn sah Starkhand an und schlug vor: "Lassen wir es für heute dabei bewenden! Nehmen wir einen Trunk zur Nacht? Wir werden morgen noch genug zu bereden haben."
    Starkhand willigte ein. Grimmig dachte er daran, daß er dem jungen Herrn einmal vorrechnen sollte, wieviel Leben die Herrschaft seines Königs bisher gekostet hatte - dagegen glichen die Irrwege der aufgeblasenen Feldherren aus Albyon und Erainn Kinderspielen.
    In dem großen, offenen Zelt wurde immer noch getanzt, wenn auch zu ruhigeren Weisen als zuvor. Immer noch huschte Dienerschaft hin und her, um Durst, und manchmal auch noch Hunger, zu stillen. Starkhand sah, daß einige seines Gefolges das Fest bereits verlassen hatten; andere waren geblieben: der junge Molsberg verdrehte einer Clantherntochter den Kopf, die Nemhedhinn-Schwestern tanzten, während Hentze Blader sich an einem Bierkrug festhielt.
    Der Truchseß ließ einen Tisch herrichten und schickte eine Magd nach Wein. Während sie tranken, näherten sich immer wieder Clanthern, die ihre Aufwartung machen wollten. Starkhand war froh, daß er an diesem Abend keine aus Calan kennenlernte, die durch das Tor der Schwerter gegangen waren - am Ende hätte er Streitfälle am Hals, wenn solche alten Besitz zurückforderten.
    Als Starkhand sich bettschwer genug fühlte und der Truchseß darum ein Zeichen gab, daß der letzte Tanz gespielt werden sollte, näherte sich ihnen eine Gestalt im grauen Mantel - der Kämmerer.
    "Setzt Euch!" lud von Schwartzensteyn ihn ein, doch der Kämmerer lehnte mit einer knappen Bewegung seiner Hand ab.
    "Ich hoffe, es war alles nach Eurem Geschmack, Herr von Calan. Ich denke, ich habe dafür gesorgt, daß Eure Thuatha sich wohlfühlen."
    "Mit Verlaub ..."
    "Schon gut, schon gut." Der Kämmerer hielt den Zeigefinger ans Ohr und sagte: "Oh, ich mag diesen Tanz! Ah, hört, ich komme gerade aus der Veste und habe Euch etwas mitzuteilen."
    Starkhand wartete. Pendror musterte ihn, dann verkündete er:
    "Seine Majestät, der König, freut sich über die Ehre Eures Besuches. Er ist bereit, Euch mitsamt Eurem Gefolge zu empfangen. Eine Abteilung der Königlichen Leibgarde wird Euch morgen zur Vesperzeit abholen und zur Veste geleiten."
    "Es ist mir eine Ehre!" versicherte Starkhand, doch in seinem Inneren machte sich Unruhe breit. Er würde dem Verfluchten gegenübertreten und sich in Feindeshand befinden - Bewährung und Schmach zugleich.
    Der Kämmerer machte keine langen Worte. Er wünschte eine gute Nacht und verließ das Zelt. Kaum, daß er gegangen war, endete auch der letzte Tanz. Ein letzter Beifall für die Musikanten, dann war das Fest beendet.

Truchseß Kai von Schwartzensteyn war ein sehr besonnener Mann. Er ließ seinen Gästen Zeit für langen Schlaf und ein ausgiebiges Frühstück. Erst am Vormittag schickte er einen Bediensteten, um anzufragen, wann der Gesandte ihn empfangen würde. Als er selbst eintraf, beschränkte er das Gespräch darauf, festzustellen, welche Angelegenheiten eine Beratung überhaupt wert waren. So konnten beide Seiten ihre Wünsche äußern. Alavelan, eine der Händlerinnen aus Dinas Druidh, pries gar Wollteppiche aus Tir Nemhedhainn an; der Truchseß hörte ihr lächelnd zu, offensichtlich eingenommen von ihrer bezaubernden Erscheinung.
    Der junge Yerddym fragte, übersetzt von Norna, ganz unbekümmert nach clanthonischen Rechtsbräuchen: wie wohl der bestraft würde, der etwas wegnahm, was wohl die übliche Vergeltung für dies und das sei, und was dieses Volk wohl tue, wenn ein Zug starker Krieger mitnähme, was der Arm zu tragen vermochte, und ob dann die Verwandten dieser Krieger einen Streit mit der beraubten Sippe oder gleich mit dem ganzen Volk auszutragen hätten? Von Schwartzensteyn lächelte und ließ die Fragen von einem seiner Schreiber beantworten.
    "Vergißt Clanthon seine Gesetze, wenn die Schrift verbrennt?" ließ Yerddym die alte Norna fragen, als er sah, wie der Schreiber aus Büchern vorlas.
    "Nein", antwortete der Truchseß. "Doch das Gesetz im Buch kann nicht verdreht werden von den Gedanken des Lügners."
    Der junge Danannain blickte sehr ernst drein.
    "Das ist ein schwaches Gesetz, wenn ein Gedanke es verdrehen kann. Das macht mich traurig", tat der junge Mann kund und schwieg eine Weile.
    Auch vom Krieg wurde geredet, doch nun fragte der Truchseß nicht nach zerbrochenen Bündnissen und den Gründen ausgebliebener Hilfe. Starkhand verstand, daß von Schwartzensteyn das Gespräch der vorigen Nacht nur darum auf den Krieg gelenkt hatte, um herauszufinden, wie er darüber dachte.
    Wie würde der Truchseß sich wohl verhalten, wenn er wüßte, daß Starkhand, vermummt wie ein Dieb, versucht hatte, den aus Peutin fliehenden König zu töten, daß nur die Übermacht der braven Leibgarde den abermals Geschlagenen gerettet hatte? Der Vorfall mußte dem Truchseß bekannt sein, ebenso wie der Ort des Geschehens. War niemals ein Verdacht auf Calan gefallen?

Die Zeit bis zum Nachmittag verging wie im Flug. Sie berieten und ließen sich dabei bewirten. Am Nachmittag waren sie soweit, über den Erwerb eines Hauses im Herzen Peutins zu verhandeln; vor allem die mitgereisten Händler waren dafür, einen festen Platz für Reisende aus Tir Thuatha einzurichten. Dieses Haus würde heimische Annehmlichkeiten bieten, und es könnte den Gesandten beherbergen, der Zutritt und Stimme bei Hofe hätte.
    Der Truchseß hatte ein solches Ansinnen erwartet und bot der Gesandtschaft für den folgenden Tag eine Besichtigung an:
    "Ein Haus am Stiftsplatz in der Altstadt, zwischen Burgweg und Altweg. Darin könnt Ihr all das unterbringen, was Ihr aufzähltet: Wohnstuben, Gasträume, ein Warenlager unter dem Dach, einen großen Saal, sowie eigene Stallungen." Starkhand zählte im Geiste die nötigen Taler ab. Seine Vorstellung war es gewesen, einmal im Jahr, vielleicht auch zweimal, wenn nötig, nach Peutin zu reisen. Keinesfalls wollte er hier wohnen.
    "Wir werden es uns ansehen", willigte Starkhand ein, dann bat er den Truchseß, das Gespräch am nächsten Tag fortsetzen zu können. "Werdet Ihr dem Empfang bei Seiner Majestät beiwohnen?"
    "Sicher!" erwiderte von Schwartzensteyn. "Diesen Augenblick möchte ich nicht versäumen."
    Das empfand Starkhand ganz anders. Ihm genügte dieser junge Herrscher, den alten konnte er entbehren.

Sein Leben war in Gefahr. Es genügte das Zeugnis auch nur eines Gardisten, der vorgeben müßte, Starkhand an jenem Tag vor sechs Jahren, als die Garde das Leben des Königs rettete, bemerkt zu haben. Er war nahezu schutzlos; jetzt würde er sogar jene Festung betreten, die im Krieg nur der göttlichen Gewalt nachgegeben hatte. Da könnte er ohne Schwierigkeiten gefangen, den Richtern Clanthons ausgeliefert und schließlich verurteilt werden, natürlich zum Tode, und sein Kopf würde auf Peutins Pflaster rollen.
    Starkhand fluchte. Ein Bolghinnfürst sollte statt seiner vor den König treten. Den Tod eines solchen würden die Stämme rächen, wohl kaum aber den eines geringen Edlen gothorischer Zunge. Wieder einmal spürte er Bitterkeit seines Namens wegen, der seine Eltern an Widerstand gegen finstere Kreaturen hatte denken lassen - daß er einst in herrschaftliche Ränke verwickelt sein würde, hatte niemand ahnen können.
    Den clanthonischen Begleitern zeigte der Herr von Calan ein strenges, aber freundliches Gesicht. Eine Lanze berittener Gardisten, das war ein Dutzend, und ebenso viele der Peutiner Goldritter waren erschienen, um die Gesandtschaft zur Veste zu geleiten.
    Peutin war wieder einmal und immer noch eine Baustelle: Häuser und Wehren waren eingerüstet, überall lagen Haufen von Holz und Stein, Lehm und Stroh, Schindeln, Ziegel und was der nötigen Dinge mehr waren. Sie betraten die Stadt durch das Pferdetor, durchquerten den Oberkassel genannten Teil, verließen diesen durch das Siedlertor, um am Rittertor noch einmal beäugt zu werden. Nun waren sie in der Altstadt, doch das einzig Alte hier war die Veste, keine zehn Jahre zuvor noch der schmutzige Rest eines finsteren Urrgh-Baues, dessen Untergrund durchlöchert war wie ein Käse - gefährlich auch heute noch, wie gemunkelt wurde. Der golden schimmernde Anstrich, den der erste Graf dem schwarzen Bau hatte angedeihen lassen und der im Krieg genauso gelitten hatte wie alles andere, war erst vor kurzem neu aufgetragen worden. Möllbarths Heim hatte man mit besonderem Nachdruck instandgesetzt.
    Die Anspannung wuchs. Starkhand gelang es mit Mühe, das Volk, das die Straßen säumte, mit freundlichen Blicken zu bedenken. Yerddym schien besonders unruhig, wohl, weil er sich unbewaffnet Fremden anvertraute - die Forderung, alle Waffen abzulegen, hatte ihm gar nicht behagt, wenn er sie auch einsah.
    Die Veste war halb umrundet, der Aufgang lag vor ihnen. Die zurückblickten in die Straßen, sahen die leise tuschelnde Menge dichtgedrängt stehen. Niemand rief etwas, es gab keine Willkommensmelodie wie am Abend zuvor, und so war das hallende Klappern der Hufe auf dem Pflaster das lauteste Geräusch.
    Der Weg durch die Gänge der Veste war ebenso unheimlich, daran änderten auch die in sanften Farben bemalten Wände nichts. So sprach niemand ein Wort, bis sie den Thronsaal erreichten. Einer ihrer Begleiter klopfte an die hohe, zweiflügelige Tür. Diese öffnete sich einen Spalt weit. Ein Höfling rief heraus:
    "Wer tritt vor den König?"
    "Die Garde Seiner Majestät gibt Geleit", rief der Anführer in geübtem Tonfall, "auf Seiner Majestät Wunsch, dem Gesandten des Herrschers über Tir Thuatha, Starkhand von Calan, und seinem Gefolge." Er hob sein Schwert, hielt es vor sein Gesicht und brüllte: "Haaabt acht!"
    Der Geleitzug trat auseinander und bildete zwei Reihen, die Tür wurde geöffnet.
    Starkhand holte noch einmal tief Luft, faßte sich ein Herz und trat ein. Der Thronsaal war nahezu leer und überdies spärlich beleuchtet. Starkhand war überrascht; er hatte denselben Prunk erwartet wie am Abend zuvor, doch hier gab es nichts dergleichen. Ein paar Dienstboten warteten an der Wand. Vor sich sah er den erhöhten Thron. Er war leer. Daneben stand mit verschränkten Händen der Kämmerer. Und als Starkhand den Thron fast erreicht hatte, sah er auch den Truchseß im Halbdunkel etwas abseits stehen. Starkhand sah ihn fragend an, doch von Schwartzensteyn nickte ihm nur zu. Da schnarrte des Kämmerers Stimme:
    "Begrüßt mit mir Seine Majestät, König Möllbarth von Clanthon!"
    Kaum hatte er dies gesagt, wurde eine seitlich gelegene Tür geöffnet, aus der zwei Ritter traten, in schwarze Rüstungen gehüllt, mit viel goldenem Zierat daran. Sie trugen Speer und Schild und jeder ein Schwert am Gurt. Ihr einziges Wappen war das goldene Einhorn.
    Als sie sich zu beiden Seiten des Thrones aufgestellt hatten, betrat der König den Saal. Kämmerer und Truchseß verbeugten sich tief, Starkhands Ehrbezeigung fiel knapper aus.
    Möllbarth ließ sich nieder; er war kein großer Mann. Ein wenig gebeugt saß er da, das Antlitz umrahmt von langem, grauweißem Haar, nur einen goldenen Reif trug er darin, und der Bart fiel ihm bis auf die Brust. Fast ein Bild von Müdigkeit, doch mitten darin ein Paar wache, kleine Augen. Starkhand schätzte den König auf sechzig Lenze, wenn nicht mehr, und fühlte sich an sein eigenes Alter erinnert, das er seit vielen Jahren mit großem Aufwand zu verbergen suchte. Er hatte das Grau seines eigenen Hauptes fast vergessen.
    Der König sah den Gesandten an, nicht unfreundlich, jedoch mit großer Aufmerksamkeit, und er ließ Starkhands Augen auch nicht los, als er zu sprechen begann:
    "Einen Clanthern schicken sie Uns ..." Natürlich hatte er das längst gewußt. "Wie wollen Wir das finden? Geben sie den Entbehrlichen in Unsere Hand, oder erkennen sie Unseren Vorrang an?" Er lächelte mit halbgeschlossenen Augen. Amüsiert legte er den Kopf schräg. "Wie ist Sein Name?"
    Eilfertig kam der Kämmerer dem Gesandten zuvor:
    "Starkhand von Calan, Euer Majestät."
    "Wir wollen nicht unhöflich sein, Pendror. Schließen wir Unseren Gast in das Gespräch ein!" Er wies auffordernd auf den Gesandten. "Was bedeutet ,von Calan‘? Ich kenne Calan, aber kein Haus dieses Namens. Ist Er ein Nachfahr der Tauferer Herzöge?"
    "Bedaure, nein. Name und Herkunft meiner Sippe ist Himmelswehr. Meine Vorfahren errangen die Herrschaft vor zweihundert Jahren zurück und gaben sich fortan den Namen des Landes." Starkhands Rechte krampfte unmerklich, als hielte sie ein Schwert. Der Krampf wurde stärker, als der König sagte:
    "Himmelswehr, Himmelswehr ..." Er rieb sich die Stirne, dann blickte er auf. "Die Hüter des Auges, die Martellsritter! Das ist so lange her: waren es diese?"
    "So ist es überliefert." Starkhand war zusammengezuckt: wußte der König von Kevedals Auge oder kannte er nur den alten Namen der Sippe?
    "Sie wollten mir Martells Schatz nicht übergeben ... Die Tauferer belagerten sie, doch dieses Himmelswehr hielt stand." Der König lachte.
    "Sagt die Legende nicht, daß es als des Königs Zuflucht errichtet wurde?"
    "So ist es."
    "Und sie ließen mich nicht ein." Abermals lachte der König. "Hat das ganze Calan das geerbt, daß sie da den König nicht erkennen, wenn sie ihn sehen?"
    Er sah seinen Kämmerer an.
    "Im Krieg hat der Feind mein Haus mir abgerissen, als ich noch fast darinnen saß." - Pendror hielt sich den Arm. - "Also machte ich mich auf nach Tandor. Doch gerade da, in Seinem Calan, wurde der Weg mir verlegt, sollte gar ich selbst dran glauben!"
    "Ich habe davon gehört", sagte Starkhand, der nun gespannt war wie eine Feder, bereit zu fliehen.
    "Sicherlich, wenn man Herr ist im Land ...", spottete König Möllbarth.
    "Die Straße über die Sichel wird von jeher nicht nur von ehrbaren Leuten bereist. Allerhand Gelichter gibt es da. Ich bedaure das zutiefst." War es jetzt soweit?
    "Mein braver Egbert ... Wir erlitten keinen Schaden." Wieder suchte er Starkhands Blick. "Der Hexer des Königs, der Schöpfer sei ihm gnädig, wußte zu sagen, daß es Einheimische waren, die Uns überfielen."
    Starkhand hoffte, daß der König nur im Trüben fischte. Er konnte nichts wissen.
    "Majestät, Ihr wißt, daß Eure Wiederkehr auch Argwohn erregte. Die Überlieferung sagt, daß Euer Griff nach dem Thron einst im Widerstreit stattfand." Starkhand beruhigte sich und wartete auf Möllbarths Antwort.
    "Alte Geschichten ... Wie sollten die Mißgünstigen so lange überlebt haben? Pendror?"
    "Majestät, es trat so ungeheuerlich viel Volk durch Euer Tor der Schwerter. Könnt Ihr mir sagen, wie sie ausgewählt wurden?" fragte der Kämmerer vorsichtig.
    "Berlan hätte es gewußt." Des Königs treuer Erzherzog, seit Jahren tot. Pendror preßte die Lippen fest aufeinander.
    Möllbarth atmete ein paarmal schwer, dann winkte er einen Diener herbei.
    "Laßt sie sich jetzt hinsetzen! Bringt Stühle! Bringt Uns auch Wein! Uns dürstet."

Mit dem ersten Schluck, den der alte König nahm, verschwand auch sein Mißtrauen. Die übrige Zeit verbrachte er mit artigen Fragen und höflichem Zuhören. Er versuchte sogar, mit Norna und Yerddym in der Mundart der Danannain zu sprechen, was der junge Mann erfreut aufnahm.
    Wie ein gütiger Vater nickte König Möllbarth zu allem, das die thuathischen Abgesandten sagten. Die Vergangenheit war ihm keine Silbe mehr wert. Nach einer Weile ließ der König die Gesandtschaft wissen, daß die Unterredung beendet sei. Als sie sich anschickten, den Thronsaal zu verlassen, wandte sich Möllbarth an Starkhand:
    "Bleibt noch einen Augenblick." Zu den übrigen sagte er: "Laßt uns einen Augenblick allein." Selbst seine Ritter schickte er hinaus.
    Dann erhob er sich von seinem Thron und stieg die wenigen Stufen hinab, bis er nur einen Schritt weit von Starkhand stehenblieb.
    "Derman nannte Euren Namen", sagte Möllbarth leise.
    Unwillkürlich zeigte Starkhand die Zähne.
    "Ihr liebtet das Clanthon der Geschichten, hegtet jedoch keine Liebe für mich." Der König hob die Hände. "Wisset, daß ich zu viele Täler des Leidens durchmessen habe. Ich schreie nicht nach Vergeltung. Andernfalls hätte ich die Meinen blindwütig gegen Bolghainn rennen lassen." - Starkhand begriff, daß der König wohl nicht von dem Überfall sprach. - "Weil das auch das Land meiner Vorfahren ist. Nun, sie gaben mir Tandor zurück, das soll genügen." Er wandte sich um und warf eine Hand in die Luft. "Sagt das dem Druiden, wenn es den schert!"
    Unruhig durchmaß Möllbarth die Weite des Raumes. Urplötzlich drehte er sich um und kam rasch auf Starkhand zu, mit einem Finger auf ihn zustechend.
    "Ich weiß, daß Ihr, Gesandter, und viele der Euren, deren Vorfahren mich bekämpften, nimmermüde von der Verwandtschaft der Völker reden, von gemeinsamen Ursprüngen und daß nicht das Trennende den Vorrang vor dem Verbindenden haben soll. Ihr wähnt Euch besonders weise und schmiedet Freundschaften hüben und drüben."
    Der König atmete tief ein.
    "Der Friede kommt mir sehr zupaß, zugegeben. Doch habt Ihr einmal darüber nachgedacht, daß es besser sein könnte, zerstrittenen Geschwistern die Trennung zu lassen? Selbst mein Kämmerer, der Tir Thuatha und einen Thron für den Traum von Clanthon verließ, redet mir jetzt von Freundschaft mit den Bolghinn!"
    "Ich sehe keinen Falsch darin", sagte Starkhand, mißtrauisch den Sinn hinter Möllbarths Rede suchend.
    "Mag sein. Merkt Euch: für das, das mein Kämmerer und der junge Schwartzensteyn und der treue Finstersee für mich und für Clanthon tun, fühle ich mich nicht mehr jung genug. König aber bleibe ich! Leute Eures Schlages sagen: Clanthon ist das Land, alle Eide gebühren dem Thron - ja, ich kenne das Gerede. Ich aber sage: Clanthon ist hier", er berührte seine Stirn, dann sein Herz, "und hier. Und die Eide gebühren der Krone, auch wenn Martells verlorenging."
    "So wünscht Ihr keine Gemeinsamkeiten, weil dieser Streit nicht aufzulösen ist."
    Starkhand sah sich bereits mit leeren Händen nach Dhanndhcaer reisen. Doch Möllbarth wischte diese Worte beiseite; Falten zerfurchten seine Stirn.
    "Humbug! Mein Truchseß ist zwar jung, jedoch vernünftig. Handelt mit ihm aus, was Ihr möchtet; er wird Euch stets mit Freundlichkeit begegnen, wenn Ihr eine Grenze erreicht." Wieder reckte der König einen Zeigefinger. "Nie mehr jedoch werden diese Länder vereinigt! Tut das und Ihr vernichtet Clanthon. Beseitigt mich und Ihr vernichtet Clanthon. Da Ihr so sehr von Clanthon träumt, rate ich Euch, beides zu lassen!"
    Starkhand war erstaunt. Er hatte mehr Haß und weniger Offenheit erwartet.
    "Ich danke Euch für die klaren Worte", sagte er darum. "Ich versichere Euch, daß Clanthon nicht in Gefahr ist."
    "Ein großes Wort!"
    Der König lachte laut auf; er rief:
    "Ein Heer von Sängern bräuchte ein Jahr, um alle aufzusagen, die ich schon gehört habe! Nein, laßt gut sein!"
    Er wies zur Tür. "Geht jetzt. Erfüllt Euren Auftrag, aber vergeßt meine Worte nicht: Ihr werdet ihnen stets als feste Wehr begegnen."
    Starkhand verbeugte sich und ging. Als er die Tür fast erreicht hatte, rief Möllbarth ihm hinterher:
    "Ihr werdet mir dieses Himmelswehr zeigen! Eines Tages!"
    ,Niemals!‘ entgegnete Starkhand in Gedanken und verbeugte sich abermals. ,Genug, daß du immer noch lebst. Niemals jedoch wird dein Fuß den heiligsten Ort des Landes besudeln!‘ Denn alle Eide, die heiligsten und ältesten, die Starkhand kannte, gebührten nicht einem Thron, noch einer Krone. Die Eide gebührten dem Herzen.


"Den Herrn des Purpurthrons grüßt Sein Gesandter. Des Fednaghs Mund spricht für Cwmachdod, den Ihr nach Clanthon sandtet. Er bittet um Verzeihung, daß er nicht selbst vor Eure Augen tritt, doch die clanthonische Angelegenheit muß noch geregelt werden.
    Er sendet Euch gute Nachrichten: Der Empfang in Peutin war freundlich, der Gesandtschaft fehlte es an nichts. Die Beratungen dauerten einen halben Mond.
    Der Garwydd wird künftig ein gastliches Haus in Peutin vorfinden, das jedem Thuatha offen steht. Und er wird stets Gehör finden beim Truchseß von Clanthon, dem der Sinn nach Frieden und Einvernehmen steht. Er scheint wahrhaftig und vergilt Vertrauen mit Vertrauen. Sein Wort hat Gewicht.
    Betrüblich ist, daß der Truchseß dieses Wort nur selten in die Waagschale wirft. Der Schatten des Möllbarth liegt auf allem. Der Friede stimmt den König milde, doch zu große Nähe ist seine Sache nicht. Eine große Angst in Clanthon ist, daß in diesem Bund der Kleinere, und das ist Clanthon, untergeht.
    Nichts verläßliches gibt es über den zu sagen, der einst Righ von Albghainn war: Kämmerer Pendror ra Ys ist dem Clanthon Möllbarths immer noch treu ergeben, doch seine Herkunft hat er nie vergessen. Seinen Worten lauscht man gern, doch wenn Ihr etwas über das Wirken erfahren wollt, seht des Truchsessen Taten an.
    Botschaft wird Euch Cwmachdod senden, sobald die Absprache mit Clanthon verläßlich ist. Er bedauert, doch in diesem Herbst wird es nicht mehr dazu kommen. Der Garwydd möge seinen Boten im Frühjahr des 38. Jahres im Licht erwarten, wenn die Pässe wieder frei sind.
    Dies und seinen ehrerbietigen Gruß sagt der Gesandte Cwmachdod mit Fednaghs Mund."


Starkhand von Calan - Handschriften

Goldrain
14. Tag im Einhorn 1588 nach dem Schwur

Es ist geschafft! Heute erreichte mich wieder einer von Thiles Boten, diesmal aber mit der Nachricht, daß sie zu einer Einigung gekommen sind. Die Herrin Adikema hat ihren Widerstand aufgegeben und gestattet nun, daß soviel Waffen in der Gesandtschaft aufbewahrt werden dürfen, wie zehn Mann tragen können, Bogen oder Armbrust ausgenommen und auch sonst nichts, das weiter trägt als ein Arm es werfen kann.
Ein langer Streit hat also sein Ende gefunden. Die feste Gesandtschaft bleibt Teil von Clanthon; es gilt das Recht der Clanthern für alle darinnen, ob edel geboren oder nicht. Molsberg hat in meinem Namen den Satz erstritten, daß ein Thuatha der Gesandtschaft, der todwürdige Schuld auf sich lädt in Clanthon, nach Art der Thuatha zu Tode kommen soll, und so das nicht zu machen ist, soll er auf thuathischem Boden hingerichtet werden. Wenn wir es geschickt machen, wird niemals ein clanthonischer Henker Hand an einen der Gesandtschaft legen.
Der Gesandte selbst, gleich wer mich in Peutin vertritt, genießt einen Teil Freiheit vom Recht. Es kann nach Clanthernrecht gegen ihn verhandelt werden und wird er festgesetzt, so nur in den Mauern der Gesandtschaft, und nur dann darf Stadtwache davor aufgestellt werden. Ist die Schuld erwiesen, darf der Gesandte des Landes verwiesen werden, doch ein Urteil, gleich welches, darf nur auf dem Boden von Tir Thuatha vollstreckt werden.
Nun, ich hätte mich gern noch sicherer gefühlt in des Möllbarths Arm, doch ganz vom Recht befreien wollten sie die Gesandtschaft nicht, der Truchseß nicht und schon gar nicht die Gräfin. Nur dem Kämmerer gefiel es wohl, uns alles zuzubilligen, nach dem wir verlangten. Zwar wurde er darin überstimmt, doch ich wüßte zu gern, was ihn da geritten hat.

Nun beginnt es also. Ich sende noch heute Nachricht nach Dhanndhcaer über den Erfolg und hoffe, der Herr sieht es genauso. Ich muß eine Besatzung verpflichten, denn der Molsberg will zurück. Die Händlerschaft nutzt die Gesandtschaft schon seit Anbeginn, doch den Righs muß es erst noch gesagt werden.
Dann ist es wohl angemessen, ein Fest auszurichten, und da muß ich wohl selbst nach Peutin. Siber Lobar einzuladen schickt sich wohl, doch wie lange hätte ich dann auf das Fest zu warten? Wir werden sehen.

Adelmut wird sich wohl ein neues Heim suchen, denke ich, nun, da ich auch in Peutin Ausschau halte nach meinem Erben. Ich wüßte gar zu gerne, wo sie sich nun verbergen wird.

Paraphe Starkhand

 
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