Zurueck zum Herzen In meinen Armen
Wie Adelmut von Calan mit ihrem Vater Starkhand zusammentrifft.
Ein Ereignis aus dem Frühling des Jahres 1588 n.d.S.
 
 
Geleit
Land
Volk
Adel
Wappen
Weistum
Dank

Blut bedeckte ihre nackten Arme bis zu den Schultern. Es spritzte immer mehr davon heraus aus dem fransigen Loch, das sie mit ihren schmalen, kräftigen Handen zuzuhalten gedachte. Sie spürte, wie die Ränder der Wunde immer wieder vom hervorquellenden Gedärm auseinandergezwungen wurden und fluchte, weil kein Heiler zu Hilfe eilte.
    "Töte mich! So töte mich doch, Frau!" brüllte der todwunde Krieger mit überschlagender Stimme, der jede Hoffnung fremd war. In seinen Augen spiegelten sich die Flammen, die von Haus zu Haus sprangen und Peutin, die Goldene, rasch auffraßen.
    Die Frau wollte der armen Seele Mut zusprechen, doch ihre Worte wurden von einem weiteren Blutschwall erstickt, der sie mitten ins Gesicht traf. Der Krieger schrie und wand sich, dann erschlaffte er und starb mit einem Gurgeln in der Kehle.
    Atemlos saß die Hilflose da, das Sterben um sie herum nicht achtend. Ganz langsam schlang sie die blutverschmierten Arme um ihren schmalen Körper und drückte, so fest sie konnte. Ihr Schluchzen war ohne Tränen. Dann rief sie laut in den rauchschwangeren Himmel:
    "Vater! Wo bist du?" Ihr Blick ging in die Ferne. "Vater!"
    Doch ihr Rufen ging unter im Lärm der Kämpfenden, die ein weiteres Mal unter großen Opfern eingedrungene Feinde aus der Stadt drängten. Ein Ritter trat an sie heran und half ihr vorsichtig auf die Beine.
    "Hab Mut!" sagte der vom Kampf gezeichnete leise in ihr Ohr. "Wir stehen das hier gemeinsam durch."

Noch Jahre nachdem die Hauptstadt des neuen Clanthon im Hagelsturm der Götter untergegangen war 1 , litten in Sambur viele tausend Opfer des Krieges an ihren Wunden. Nur der Fürsorge ihrer Sippen und Gemeinden war es zu verdanken, daß sie damit nicht allein standen. Trotzdem gab es etliche, die niemanden mehr hatten, der sich um sie kümmerte. Diese fanden Aufnahme im Haus der Brunhild.
Gothorihaus     Einige Weglängen 2 norlich von Andelkrag, irgendwo im Winkel der Bäche Krag und Andel, lag ein großes Gut, das im Langen Winter von seinen Besitzern verlassen worden war. Im Sommer des 34. Jahres nach der Finsternis war ein Schreiber bei jenen, die dieses Gut geerbt hatten, erschienen und hatte ihnen eine große Menge Gold versprochen, wenn sie das Haus samt der Ländereien abtreten würden.
    Die Leute hatten eingewilligt und alsbald waren Handwerker und Bauern, Dienstleute und Jäger und sogar hohe Herrschaften gekommen – aus Peutin, wie es hieß – und hatten den Hof hergerichtet. Diese Menschen stammten wohl aus allen Gegenden der Länder, denn sie sprachen in vielen Zungen. Man munkelte, sie redeten ungebührlich mit der Herrschaft und würden sogar verbotene Waffen gebrauchen, doch viel mehr ließ sich damals nicht in Erfahrung bringen, weil die auf dem Gut sich alles Nötige selbst richteten und der Dienste ihrer Nachbarn nicht bedurften.
    Im Herbst desselben Jahres waren die ersten Versehrten aus den Kriegen der Jahre zuvor eingetroffen. Die meisten waren mit Karren gebracht worden, manche hatten sich zu Fuß die Wege entlanggeschleppt, ein paar waren auf struppigen Pferden geritten, die sie wohl gestohlen hatten, einer war auf einem alten Esel herbeigeschwankt. Sie alle waren im Namen der wohltätigen Dame Brunhild eingeladen worden, Genesung von ihren Leiden zu finden, und so erfreuten sie sich an Obdach und freier Kost. Auch wurde kein Entgelt gefordert, sondern nur das Maß an Dienst erbeten, das die Kranken ohne Schmerzen zu leiden erbringen konnten.
    Als sich das Mißtrauen der Nachbarn gelegt hatte, gaben sie dem Werk der Dame Brunhild den Namen "Friedenshaus": nicht nur die Wunden des Leibes heilten dort, und so mancher sieche Kämpe schlief im Friedenshaus zum ersten Mal ungeplagt von bösen Träumen. Die Dame Brunhild hingegen wurde ihre Traumgesichter nicht los: oft rief sie im Schlaf nach dem Vater, um ihn gleich darauf zu verleugnen, wenn sie erwachte. So brachte sie vielfachen Frieden und fand doch selbst keinen.

Einige Jahre später war Ruhe in Sambur eingekehrt: der König thronte wieder in Peutin und Clanthon erfreute sich am neuen Frieden. Da ritt an einem Frühlingsmorgen ein Bote eilig an Andelkrag vorbei gen Nor, auf die Berghänge zu. Von dort gesehen ragten die Rauchsäulen aus den Schloten der Stadt wie Blumen aus dem Nebelmeer, das über dem Seenland lag, sanft geneigt im Strom der kühlen Brise, die von Ydd den Frühlingspfad herabwehte. Fern von Est aber schickte die Sonne erste Strahlen über den Tyre und wie sie den Dunst so teilte der scharfe Galopp des Reiters die morgendliche Ruhe, die von Vogelgezwitscher und dem Läuten der Kuhglocken untermalt wurde.
    Vor dem Tor des Friedenshauses brachte der Bote sein Roß zum Stehen und sprang aus dem Sattel. Auf ein Klopfzeichen wurde ihm geöffnet.
    "Nachricht für die Herrin!" tat er kund und wartete wie geheißen in der Küche, um sich aufzuwärmen.
    Die Dame Brunhild mußte nicht geweckt werden. Wie an jedem Tag war sie mit dem ersten Hahnenschrei aufgestanden, denn sie kümmerte sich stets selbst um jede Kleinigkeit des Haushaltes, und wenn sie nicht die Zeit fand, selbst Hand anzulegen, so versorgte sie doch das ganze Gesinde mit Anweisungen, damit nichts unerledigt bliebe.
    Der Bote war den langen Weg von Peutin geritten. Die Nächte hatte er im Freien verbracht, um nicht in Gasthöfen gesehen zu werden. Stets hatte er nur kurz gerastet und immer darauf geachtet, nicht verfolgt zu werden. Diese Heimlichkeit übten er und seinesgleichen seit all den Jahren, die sie im Dienst der Herrin standen.
    "Ein Brief?" fragte die Dame und nahm ein Pergament entgegen; das wohlvertraute Siegel war noch ungebrochen. "Du brauchst mir nicht zu sagen, wer dies schickt."
    "Übergeben Eurem Schreiber in Peutin – wie immer schwieg er über Euren Aufenthalt. Vier von uns ritten in verschiedene Richtungen, um Späher zu täuschen. Ich für mein Teil habe keine Verfolger bemerkt."
    Dame Brunhild dankte dem Boten und befahl ihm, sich auszuruhen, bevor sie ihn weiterschicken würde, denn sie ahnte, daß diese Nachricht einer Antwort bedurfte.
    "Immer zu Diensten, Gräfin!" sagte er.
    Gräfin ... Wäre da nicht das viele Gold, das sie jeden Mond aus dem Schatz des Reiches erhielt, Adelmut von Calan hätte wohl vergessen, daß sie hierzulande Gräfin genannt wurde. Als Brunhild hatte sie andere Sorgen.

Dame Gertrud war eine Clantherin von Tsalka 3 , die sich über ihre Sippe ausschwieg, als Hofdame in den Dienst der Gräfin Adelmut vermittelt von Kaspian von Klingen zu Hadloub, dem Sohn des letzten Vogtes von Tsalka. Mit einem Brief Seiner Hoheit war Gertrud drei Jahre zuvor im gräflichen Haus zu Peutin erschienen, und dem dringenden Wunsch im Herzen, etwas gegen den Schmerz in Clanthon zu tun. Seither ging sie Adelmut in allem zur Hand – obwohl an sechzig Lenze alt – und war ihr Verwalterin, Zofe, Gesellschaftsdame und Kinderfrau.
    Nun führte sie den Jungen Aistulf an den Tisch seiner Mutter, die sich zum Frühstück niedergelassen hatte.
    "Guten Morgen, Mama!" rief der Kleine. Fünf Jahre zählte er gerade, geboren im Langen Winter, tief im Einhornwald, inmitten einer Schar Gesetzloser, als Sohn eines Raubritters. Seine schmale Gestalt wurde von einem sanft gewellten blonden Schopf gekrönt, aus dem himmelblaue Augen hervorlugten.
    "Guten Morgen, mein Liebling", entgegnete Adelmut, gedankenverloren mit dem noch ungelesenen Pergament spielend, als sie ihrem Sohn einen Kuß auf das Haupt gab.
    "Hast du da?" fragte er knapp, nach dem Brief greifend, den sie ihm jedoch entzog. "Was ist da dran?" Er zeigte auf das Siegel.
    Sie erklärte es ihm.
    "Ist das ein Tier auf dem Siegel?"
    "Ja, Schatz, ein Steinbock." Adelmut winkte ihre Hofdame auf einen Platz an ihrer Seite und bot ihr vom Brot an.
    "Was ist ein Steinbock?" Aistulf rollte aus dem weichen Inneren seines Brotes kleine Kügelchen. "Wo gibt es einen Steinbock?"
    "Junger Mann!" fiel ihm Dame Gertrud ins Wort. "Du sollst deiner Mutter keine Löcher in den Bauch fragen."
    "Laßt nur, Gertrud! Ich muß den Brief schließlich doch lesen und irgendwann muß Aistulf erfahren, wer er ist." Wehmütig betrachtete sie ihren Sohn.
    "Wer ich bin, Mama?"
    Adelmut brach das Siegel und las die Nachricht: sie war nicht lang und doch von einer Bedeutung, die sie nicht ganz zu erfassen vermochte.
    "Das hier ist von deinem Großvater, mein Schatz."
    "Großvater? Der wo ganz weit weg ist?"
    "Wir sind ihm näher, als er ahnt", erwiderte Adelmut. "Er lebt gar nicht fern von uns, in den Bergen gleich hinter dem Grampian. Und er beginnt mit ,Geliebte Tochter!‘"
    Leise murmelnd las sie den Brief noch einmal: Starkhand von Calan wollte all seine Fehler bereuen. Er gestand Schwächen ein, widerrief all seine Entschlüsse, sie betreffend, und bot ihr die Heimkehr in Ehren an.
    Sie war im 29. Jahr nach der Finsternis aus der Heimat geflohen, weil Starkhand sie um einiger Güter willen mit einem Schwachsinnigen hatte vermählen wollen. Sie war zur Fürsprecherin von Gesetzlosen geworden, weil sie dachte, das Leid könne durch ihre eigene Hand gemildert werden. Sie hatte sich von ihrem Vater losgesagt, weil er nach dem Fall von Peutin versuchte, den fliehenden König Möllbarth zu töten, in dem sie das Zeichen für die Einheit der Clanthonier gesehen hatte. Drei Jahre später, als sie vor den Kronrat trat, um Anspruch auf den Titel einer Markgräfin von Calan zu erheben, hatte sie ihren Vater gar für tot erklärt.
    "Können wir den Großvater besuchen, Mama?" fragte Aistulf in ihr Schweigen hinein. "Hat er eine große Burg? Wie ist der Großvater, Mama? Hat er einen Steinbock auf seiner Burg?"
    "Aistulf", sagte Adelmut ernst, "ich verspreche dir, daß ich dir alles über deinen Großvater erzählen werde, was ich weiß. Nur nicht jetzt. In Ordnung?"
    Der Kleine nickte.
    "Er liebt Kinder über alles", fuhr seine Mutter fort, "doch manchmal ist er ein grantiger alter Mann, und grantige alte Männer können sehr gefährlich sein!"
    "Ist der Großvater böse?"
    Es tat Adelmut sofort leid, daß sie ihren Sohn eingeschüchtert hatte.
    "Keine Angst, mein Liebling. Wir hatten einen fürchterlichen Streit, er und ich, aber er ist nicht wirklich böse. Und in seinem Brief schreibt er viele liebe Dinge ..."
    Daß sie zutiefst an Starkhands Aufrichtigkeit zweifelte, sagte sie nicht. Und just der Argwohn war es, der sie mit ihrem Vater verband: so verschieden sie waren, hatte sie doch gelernt, ihm darin gleich zu sein. Doch das war nichts, worüber sie sich freute.

Schafherde am Joch

Einen halben Mond darauf zog Adelmut von Calan zum Grampian 4 und erklomm seine Flanken, einen Ort aufsuchend, den sie aus Kindertagen kannte: das Gehöft eines Hirten, der seine Herden mit den Jahreszeiten über die Jöcher getrieben hatte, als er noch gut zu Fuß gewesen war. Nun war er alt und ließ seine Enkel die Arbeit tun.
    Adelmut zog aus, wie sie es als Herrin der Gesetzlosen im Einhornwald 5 stets getan hatte: zu Pferd, im grünen und braunen Jagdgewand, mit Bogen und Dolch bewaffnet, das kurze, dunkle Haar unbedeckt. Und sie ging frühzeitig und wohlvorbereitet, das Wiedersehen mit dem Hirten freudig erwartend, denn dieser hatte sie immer wie eines seiner zahlreichen Kinder behandelt.
    Sie hatte dem Vater eine Nachricht gen Himmelswehr geschickt, daß sie am Grampian seiner harre, wissend, daß er sich an den Ort erinnern würde. Sofort danach brach sie auf, ohne auf Antwort zu warten – wenn es Starkhand etwas bedeutete, würde er die Begegnung möglich machen. Dieses Treffen wollte sie bestimmen. Es gelang.
    An einem warmen Nachmittag wurde sie gewahr, wie sich ein Zug von vier Berittenen bergan schleppte – auf den Saumpfaden traten die Braunen mit den hellen Mähnen und Schweifen sicher; im schrofigen Gelände darüber würden sie geführt werden müssen. Adelmut hoffte, daß es nicht Gwen war, die Starkhand begleitete, das thuathische Mündel ihres Vaters, das sie stets als Nebenbuhlerin empfunden hatte. Doch dann erkannte sie die Leibesfülle des Schwertmeisters Hentze Blader und war froh. Die übrigen würden Reisige sein, die der Herr von Calan zu seinem Schutz mitführte.
    "Weniger als eine Kerze Zeit", rief Adelmut dem alten Hirten zu, "dann sind sie oben. Ich richte ein Mahl, wenn du mir nur vom Käse gibst."
    "’S best, wo i han!" versprach der Alte und schlurfte ins Dunkel der Hütte.

Es waren bange Augenblicke, als sich Vater und Tochter gegenüberstanden. Sie wollte nichts, als ihn in den Arm nehmen, doch das Mißtrauen war stark. Er machte Anstalten, etwas zu sagen, doch es schien, daß ihm die Worte im Halse stecken blieben. Da überwand sich Adelmut und drückte den Vater an sich, wohl an zehn Jahre zurückdenkend, denn so lange war es her, daß sie das zuletzt getan hatte. Dem Hauch eines Feuers gleich überkam sie ein Gefühl, aber es saß ein Rest des Argwohns als kaltes Kribbeln im Nacken.
    "Willkomm uf min Berg!" brach der Hirte das Schweigen und lud alle ein, sich zu setzen und vom "Kasch" zu kosten. Es entspannte sich sachtes Geplauder, doch bald bedeutete Starkhand den übrigen, daß er nun mit seiner Tochter allein zu reden gedachte.
    "Begleite mich ein Stück", bat er sie und erhob sich von der roh gezimmerten Bank.
    Langsam schritten sie über die saftig grünen Matten; die Sonne zog sich bereits hinter den Gipfel des Berges nach Wes zurück.
    "Dein Brief enthielt keine Antwort auf den meinigen, Kind."
    "Ich wollte dich ansehen, wenn du mir all das noch einmal sagst", gab Adelmut zu.
    "Daß ich bereue und mir wünsche, du kehrtest zurück?"
    Die Tochter nickte.
    "So oft du willst. Und daß die Liebe zu dir mir diese Gedanken eingab, und ..."
    Adelmut unterbrach ihn:
    "Als ich heranwuchs, hast du einen Streit nicht eher aufgegeben, bis daß ich nicht all deine Gedanken gehört hatte. Du hast mich immer gesucht, bist mir gar alleine nachgeritten, wenn ich im Zorn das Weite suchte. Wieso bist du mir nicht nach Sambur gefolgt?"
    Starkhand preßte die Lippen aufeinander, dann sagte er leise:
    "All die Jahre waren meine Boten unterwegs, um mir Nachricht über dich zu bringen. Doch zuerst verbargst du dich im Wald, dann herrschte Krieg, später der Winter. Hätte ich dich gar gegen deinen Willen zurückholen sollen wie ein trotziges Kind?" Er sah sie an. "Ich habe darüber nachgedacht, doch es hätte ohnehin an Gelegenheiten gemangelt. Und dann, nachdem die Samburischen dich zur Markgräfin erhoben hatten: hätte ich dich da entführen sollen? Und eine Fehde in Kauf nehmen?"
    Er schüttelte den Kopf.
    "Nein, mein Kind. Du hattest gewählt. Mir blieb nur die Bitte um Verzeihung."
    Adelmut hörte ihrem Vater zu und wußte, daß er recht sprach. Sie hatte sich ihm entzogen; er konnte ihr nicht beikommen, ohne Gewalt zu gebrauchen.
    Ihr Blick schweifte die Hänge des Grampian hinab in die schier endlosen Ebenen Samburs. Wenn sie sich umwandte, bauten sich die Türme der heimatlichen Berge vor ihr auf. Wollte sie dorthin zurück? Sie wies weitausholend nach Est und berichtete dem Vater vom Friedenshaus, ohne ihm jedoch irgendeinen Anhaltspunkt zu geben, wo dieses zu finden sein könnte.
    "Wunden heilen, hm? Darauf möchte ich stolz sein", sagte Starkhand und fuhr sich mit der Rechten über das kahlgeschorene Haupt. "Aber du gehörst nach Calan ..."
    Sie war die einzige Erbin, die er hatte.
    "Kind!" rief er mit drängendem Ton. "Denk nach: entziehst du dich dem Erbe, werden sich die Sippen um die Hohe Würde streiten. Ich bekleide nur ein geringes Amt im Kreis der Fellträger, und das von des Erzdruiden Gnaden! Bringt meine Schwäche ihm Unfrieden ein, nimmt er unserem Volk vielleicht alle Rechte! Das kannst du nicht wollen."
    Sie preßte die Lippen zu einem Strich zusammen. Das wollte sie in der Tat nicht, denn das unbändige Leben mancher Stämme der Thuatha war ihr zuwider. Der Vater konnte nicht wissen, daß sie ihr Erbe längst angenommen hatte, vordem, als sie in Begleitung des verwundeten Kaspian von Klingen nach Calan zurückkehrte 6 , um Starkhands Platz einzunehmen, für den Fall, daß Möllbarths Ritter ihn getötet hätten.
    "Du möchtest den Sippen beweisen, daß die Erbfolge gesichert ist. Das soll sie beruhigen und ihre lauten Zweifel dämpfen. Und dann wird das Hauen und Stechen beginnen darum, welches Haus die beste Verbindung für mich ist. Sie werden mir ihre Söhne anbieten und mich bedrängen." Adelmut warf ihrem Vater einen mißmutigen Blick zu. "Glaubst du, Lorenz von Taufers würde sich mit der Wahl begnügen, die ich träfe? Daß ich nicht seinen armen Sohn wähle?" Sie nahm die Antwort vorweg: "Nein, Vater, das würde er nicht. Er aber ist derjenige, der den Streit entfachen würde, ungeachtet der Gefahr für unser Volk."
    Sie holte tief Luft und ging ein paar Schritte voran. Starkhand blieb hinter ihr zurück.
    "Nein, das willst du nicht wagen. Du mußt einen Erben vorzeigen, den sie alle annehmen können. Dazu brauchst du meinen Sohn." Sie biß sich auf die Unterlippe. "Du bittest mich um meinen Sohn, daß ich ihn dir ausliefere?"
    "Ich bitte dich, daß du deinem Sohn sein Erbe gewährst", bestätigte Starkhand. "Wenn er denn gesund und würdig ist ..."
    Adelmut wande sich um und wies in Richtung der Alm.
    "Komm und sieh selbst! Ich habe ihn mitgebracht."

Starkhand war entgeistert, als sie bei der Hütte des Hirten anlangten: drei Dutzend bewaffnete Gemeine hatten sich davor niedergelassen, argwöhnisch beäugt von Meister Hentze und seinen zwei Reisigen.
    "Was ist das für ein Pack?" rief er empört. "Tochter! Hast du was mit diesen zu schaffen?" Fahrig griff er sich an die Hüfte, doch sein Schwert hing am Sattel seines Braunen.
    Adelmut lachte.
    "Vater, ich darf dir meine Getreuen vorstellen: das sind die Gesetzlosen, die Krieg und Winter im Einhornwald überlebt haben. Sie haben sich meiner Gerichtsbarkeit anvertraut und sind nun freie Clanthonier. All ihr Tun geschieht auf meinen Befehl." Sie winkte einem kleinen, vierschrötigen Kerl mit gezwirbeltem Schnurrbart. "Ritter Bran de Forclaz! Der Hauptmann meiner Wache."
    Mit einem Fingerzeig verbot sie dem Ritter das Wort, so beließ es dieser bei einer Ehrenbezeigung.
    "Bringt mir Aistulf!"
Chaudagehoeft    Starkhand horchte auf. Eben noch hatte er aufbrausen wollen wegen des Mißtrauens seiner Tochter – einen bewaffneten Haufen gegen ihren Vater aufzubieten! Doch dann erwartete er, Adelmuts Sohn kennenzulernen: Ritter Bran führte einen blonden Knaben herbei, der Starkhand ängstlich betrachtete. Sofort suchte Starkhand in den Zügen des Kindes die Merkmale seines Geschlechtes.
    Adelmut kniete sich neben ihren Sohn ins Gras und sagte zu ihm:
    "Aistulf, das ist dein Großvater Starkhand, mein Vater. Möchtest du ihn begrüßen?"
    Das Kind schüttelte stumm den Kopf und vergrub sein Gesicht in der Halsbeuge der Mutter.
    "Vater, das Aistulf, Robards Sohn."
    Starkhand räusperte sich.
    "Ich grüße dich, Enkelsohn! Ich kann dich Aistulf von Himmelswehr nennen, wenn du möchtest."
    Da sah Aistulf ihn unvermittelt an und fragte leise:
    "Ist Himmelswehr deine Burg?" Und am Gewand seiner Mutter nestelnd fügte er hinzu: "Mama hat gesagt, das ist eine Burg."
    "Es ist eine Burg, kleiner Mann, das Haus unserer Ahnen seit den Tagen des Guten Königs." Starkhand spürte, wie ihm das Herz aufging, als er das Kind betrachtete. Es würde sich alles zum Guten wenden.
    "Wer ist das, der Gute König? Ist das der König Möllbarth, Mama?"
    Adelmut erhob sich, ließ aber eine Hand auf der Schulter des Kindes ruhen.
    "Nein, mein Schatz. Ich erzähle dir die Geschichte ein andermal, wenn du magst. Jetzt geh mit Bran! Ich habe mit deinem Großvater zu reden."

Sie sprachen bis tief in die Nacht, unter freiem Himmel, das Spiel der vorbeijagenden Wolkenfetzen nicht achtend, und dann, als es zu kalt wurde, am Herd des Hirten, unter vier Augen – Adelmuts Schar lagerte ringsherum in Zelten, Bran und das Kind schliefen auf dem Heuboden, Starkhands Männer wachten vor dem Haus.
    "Ich kann Aistulf anerkennen", sagte Starkhand, "war sein Vater doch ein Clanther."
    "Das ist nur die halbe Wahrheit, denn er war auch divin 7 ..."
    Starkhand riß die Augen auf.
    "Ein verfluchter Seelenjäger 8 !"
    "Nein", widersprach Adelmut, "einfach nur ein Mann mit seltsamem Geschick. Eine verirrte Seele, die Zuflucht im Leib einer anderen gefunden hatte, und doch war es kein Zufall, der den Ritter Grauwolf nach Clanthon brachte. Das sagte er mir. Nachdem er in Sambur angekommen war, mied er die Clanthern und lebte fortan als Räuber im Einhornwald, wo ich ihm begegnete 9 . Er nannte sich Maske Robard, doch er täuschte uns über die Herkunft des Namens. In Wahrheit war es der Name des Mannes, dessen Körper ihm zur Heimat geworden war."
    "Und war auch dieser von edler Geburt?" fragte Starkhand mißtrauisch.
    "Er wußte es nicht. Aber in seinen frühen Lebensjahren war er ein Sklave gewesen ..." Sofort bereute Adelmut ihre Offenheit.
    "Die Weisheit des Schöpfers möge mich beschützen!" rief Starkhand aus. "Was, glaubst du, werden die Großen und die Landstände 10 davon halten? Den Sproß eines Sklaven muß ich ihnen mit gezogenem Schwert aufzwingen!"
    Seine Tochter schluckte eine boshafte Antwort hinunter. Starkhand beruhigte sich schnell.
    "Der junge von Klingen sagte einst, daß ihr Seite an Seite in den Krieg gezogen seid. Und habt ihr vielleicht Gefallen aneinander gefunden?"
    "Das ist tückischer Boden, auf dem du gehst, Vater! Nach Peutin sah ich ihn fünf Jahr nicht, zuletzt gelegentlich, doch über die Art unserer Freundschaft werde ich dir nichts verraten, denn ich weiß, daß er dir feind ist." Gespannt sah sie ihren Vater an.
    Dieser fragte, fast bittend:
    "Aber könnte er nicht Aistulfs Vater sein, es wenigstens vorgeben?"
    "Nein!"
    "Kind, die von Tsalka haben einen guten Stand in Calan. Ihre Hausmacht ist beträchtlich und ihr Hang zum Thron nicht stark." Starkhand hob die Hände, als er das sagte.
    "Nein, Vater! Ich werde Kaspian nicht bitten, in diese Art Spiel einzuwilligen." Erregt stand sie auf. "Aistulfs Vater mag ein Sklave gewesen sein, oder ein Clanther, oder beides – ich liebe diesen Mann und habe gesehen, daß er Ehre in sich trägt."
    "Ja, aber er ist tot."
    "Ist er nicht", widersprach Adelmut. "Nachdem Grauwolf von ihm gegangen war, bat Robard um Freiheit. Sein Leben in Clanthon sei nicht seine Wahl gewesen; er fühle sich mir verbunden, doch das Kind sei Grauwolfs Liebe entsprungen ..." Sie spürte, wie ihr die Tränen in die Augen schossen.
    "Wen schert‘s!" polterte der Vater. "Das grana 11 ist seines, in Liebe oder nicht!"
    Adelmut schlug die Hände vor das Gesicht.
    "Kind! Ich hol’ ihn dir zurück, wenn er es wert ist! Wo ist er hin? Sag!"
    "Er ist fort", schluchzte sie. "Über’s Meer. Er nannte mir kein Ziel."

Sie hatte sich vorgenommen, nicht mehr an Maske Robard zu denken, doch auch diese Wunde wollte nicht heilen.
    Starkhand müßte den Knaben Aistulf so annehmen, wie er war: Sohn einer Frau, die jedermann in Calan achtete, Sohn eines toten Clanthern. Sie würde gemeinsam mit ihm von Zeit zu Zeit nach Himmelswehr gehen. Er würde alles lernen, das auch sie gelernt hatte. Sie würde ihm Friedensleute zu seinem Schutz auswählen, wenn er alt genug war, ohne seine Mutter dem Großvater zu begegnen. Und eines Tages würde sie ihm erlauben, sein Erbe anzutreten.
    "Weil auch mein Herz dem Land gehört."
    "Dann bist du also treu." Starkhand seufzte, als fiele eine Last von ihm.
    "Jedoch sei gewarnt: Aistulf soll über seine Geschicke selbst bestimmen, wenn er mündig wird." Adelmut legte alle Entschlossenheit in ihre Stimme. "Niemals werde ich ihn zwingen, anderen zu Willen zu sein."
    Der Vater nickte nur, nicht zeigend, ob er etwas auf ihren Willen gab.
    "Da ich dich treu finde", sagte er stattdessen, "bin ich frohen Mutes, dich um ein Zeichen deiner Treue bitten zu dürfen, das alle Welt erkennen kann."
    "Du zweifelst?" Adelmut wurde ärgerlich.
    "Nein, aber die Mißgünstigen werden es tun." Er tat einen langen Atemzug. "Tu es für Calan und seinen Erben: Leg das falsche Markgrafenamt nieder. Laß die Samburischen wissen, daß es eine hohle Würde ist." Er hob beschwichtigend die Hand und fuhr fort: "Den nötigen Unterhalt gewähren sie dir ohnehin; das Gold für dein Friedenshaus aber will ich dir geben – als Bruder der Sechs Winde 12 ist mir das eine Herzensangelegenheit."
    "Du willst mich kaufen!" brauste Adelmut auf.
    "Das vermag ich nicht", gab ihr Vater ruhig zurück. "Schlaf darüber! Und damit du siehst, daß ich guten Willens bin, erbitte jede andere Gunst von mir! Ich will sie gewähren."
    "Was immer ich verlange?"
    "Was immer dir in den Sinn kommt." Ein Schlag auf den Tisch bekräftigte das Versprechen.
    "Den Schlüssel zum Kevedal 13 ."
    Der Alte erschauerte.
    "Kind ... Was treibt dich?"
    Adelmut griff nach seiner Hand.
    "Das Auge hat dich erschöpft, Vater. Glaubst du, ich wüßte nicht um diese Last?" Ihr Blick fuhr über sein Antlitz. "Du bist der Wächter des Auges, aber gib mir den Schlüssel und ich wache über dich! Und ..." Sie stockte.
    "Ja?"
    "Du kannst mir zeigen, wie ich dem Auge Wahrheit entlocke."
    Er sah sie nur fragend an.
    "Weil es mir zusteht ..."
    Starkhand hielt sich den Kopf.
    "Ich sollte es dir verwehren."
    "... und weil ich Aistulfs Vater finden will." Sie suchte seinen Blick. "Was immer ich verlange, hast du gesagt."
    "Er war ein Sklave. Warum willst du ihn finden?" Seine Stimme brach.
    "Aus Liebe, Vater?"
    Starkhand schloß die Augen und griff in sein Gewand. Als er die Hand hervorholte, hielt er einen weißen Stein darin, der an einer goldenen Kette um seinen Nacken hing. Doch er streifte die Kette nicht ab.
    "Der Schlüssel. In Liebe. Für Aistulf von Calan und deinen Verzicht." Nun öffnete er die Augen und sah sie lange an. "Bedenke es, so lange du magst! Dann komm nach Hause."
    Wortlos schloß sie ihn in die Arme.
    Starkhand verließ den Grampian noch in derselben Nacht.

Als Adelmut von Calan sich zum Schlafen niederlegte, erwachte ihr Sohn Aistulf. Damit er wieder einschlafe, erzählte sie ihm die Geschichte vom Guten König:
    "Es war einmal, vor langer, langer Zeit, ein Junge, so wie du, der lebte in einem Land, das von bösen Zauberern beherrscht wurde ..."
    Und die Menschen erhoben sich gegen die Zauberer und wählten einen der ihren zum König, und sein Name war Martell. Er versammelte die größten Helden seiner Zeit um sich herum und schloß einen Bund mit dem Land, das er Clanthon nannte 14 . Menschen, Zwerge und Riesen schworen, nicht eher zu ruhen, als bis die Zauberer geschlagen wären, und Drachenfeuer verbrannte die bösen Leiber. Obwohl er aber sterblich war, lebte Martell weiter. In den Herzen der Völker blieb er der Gute König, Beschützer der Schwachen, der einst wiederkehrt, wenn das Land in Not ist.

Der Bund heisst Clanthon!

Anmerkungen:

1 2081 nach Kreos (31 n.d.F.) wurde Clanthon von Albyon und Erainn überfallen. zurück
2 1 Weg = 12x12x12 Schritt (1.872 Meter) zurück
3 von clanthonischen Flüchtlingen vor der Finsternis gegründetes Inselreich in den Südlichen Welten; 2075 n.Kr. durch Zauber verhüllt zurück
4 auch Hünenberg genannt; estliches Ende der "Sichel" genannten Bergkette (thuath. "Llancarfan") im Ydd der Markgrafschaft Andelkrag zurück
5 großes Waldgebiet im Mir von Sambur, erstreckt sich weit nach Albyon (albyon. "Brocendias" ) zurück
6 nach dem Fall von Peutin (HS 155, S. 88 ff.) zurück
7 "divin" (chauda.): von göttlicher Art ; so nennt man in Calan alles Leben, das mehr als eine Seele besitzt. zurück
8 von Heilern mit einer zweiten Seele versehene Begabte, die seelenloses Leben suchen und vernichten ("Abenteuer in Clanthon", S. 34) zurück
9 2080 n.Kr. (Hornsignale 105) zurück
10 Große sind die Angehörigen des Erbadels von Calan; zu den Landständen zählen der niedere Adel, die Bauernschaft und die Hirtenbünde. zurück
11 "grana" (chauda.): der Leib der Schöpfung, von der Seele unterschiedlich zurück
12 zur "Societas Ses Venti": HS 172, S. 77 zurück
13 Berg oberhalb des Martelltals in Calan, darin die Kammer mit Kevedals Auge (HS 155, S. 60 ff.) zurück
14 500 n.Kr.: das Jahr des Schwurs, Gündung von Clanthon zurück


     
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