Zurueck zum Herzen Lawinenmond
Wie Starkhand eine Botschaft aus Dwyllugnach erhielt.
Ein Ereignis aus dem Winter des Jahres 1588 n.d.S.
 
 
Geleit
Land
Volk
Adel
Wappen
Weistum
Dank

Als die Flachländer den Winter noch erwarteten, war er über Calan längst hereingebrochen; mit Mühe nur wurde der Riesenpaß freigehalten. Die gewaltigen Massen frischen Schnees hatten sich noch nicht gesetzt und saßen so locker auf den Berghängen, daß ein Peitschenknall eine todbringende Lawine auslösen konnte. Keine gute Zeit zum Reisen.
    Das dachte auch Starkhand von Calan, der Herr über den Frühlingspfad, als er in Mall, das die Thuatha Malaicalch 1 nannten, einritt, um ins Warme zu kommen. Flugs strebte er dem Haus des Mallgrafen entgegen, der ihm berichten sollte, was auf den Wegen vor sich ging. Und alsbald saß er in trockene Kleider gehüllt an einem Herdfeuer, einen heißen Gewürzwein im Becher, während seine Reisigen an einem langen Tisch die Bäuche mit Mehlklößen füllten.
    Mallgraf Pirmin hatte Nachricht von Taufers: der Fuorn 2 verschüttet, kein Weg nach Indarn 3 , Sulda 4 abgeschnitten, im Dafeu 5 einen Mann hoch Schnee auf dem Weg der Wagemutigen ins Schlangenland. Starkhand seinerseits berichtete hämisch, daß die von Katz im Schnals 6 eingeschneit seien - der Mallgraf war einer der wenigen, der die Verkünder genauso verabscheute wie sein Herr, nahmen sie sich doch herrschaftliche Rechte heraus, auch wenn nur ein Bauer die Kutte füllte. Ferner bedeutete er seinem Lehensmann, Cladhinn-Haufen unbehelligt gen Nor ziehen zu lassen - eigene Geschäfte zögen viele weg von der Grenze, als sei hier nichts zu bewachen 7 . Er mutmaßte noch, wie lange es wohl dauern würde, bis der Weg nach Himmelswehr wieder sicher sei - solange der Weg nicht ganz gefroren und der Schnee nicht fest geworden war, würde das Winterfest nicht beginnen -, dann begab er sich zu Bett.
    Der Morgen begann mit einem strahlenden, wolkenlosen Sonnenaufgang. Kaum, daß der letzte Brei verzehrt war, hallte Donner von den Talwänden wider: die Sonne hatte die ihr zugewandten Hänge so weit erwärmt, daß die größten Wächten abstürzten und eine Flut von Schnee mit in die Tiefe rissen. Glitzernder Staub wehte übers Tal hinweg.
    "Das kam vom Reuen 8 herunter, Herr!" rief der Mallgraf, nachdem sie vor das Haus getreten waren, um zu sehen, wo die Lawine abgegangen war. "Wenig Wald steht da."
    "Maien werde ich die verfluchten Hirten eigenhändig über die Schafjöcher prügeln", knurrte Starkhand. "Schlagen meine Bäume nur der Weide wegen!"
    "Sie fürchten die Cladhinn ..."
    "Wir werden ...", wollte Starkhand weiterschimpfen, doch in diesem Augenblick wehten Hornsignale von Burgls herüber, der letzten Feste vor dem Paß.
    "Die Straße ist verschüttet", übersetzte der Mallgraf.
    Es folgten weitere Töne.
    "Und es war jemand darauf", fuhr Starkhand fort. "Also gut! Zaudern wir nicht!"
    Sie riefen jede verfügbare Hand zusammen und zogen dem Paß entgegen, mit Pferden, Karren und Hunden, zu retten, wenn es was zu retten gab.

Wenige Kehren oberhalb von Burgls lag die große Mure, die seit altersher vom Panei 9 herabrutschte. Darüber war nun der weiße Tod gefegt und hatte die Straße unter sich begraben. Als die Wintersonne von Mittag schien, gelang es den Nothelfern, eine Reisegesellschaft auszugraben, dem verstreuten Gepäck nach wohl ein halbes Dutzend, doch sie
    fanden nur drei Menschen, und zwei davon lebten: Männer, in Fell und Wolle gehüllt, geschwächt von langer Atemlosigkeit.
    "Danannain?" Mallgraf Pirmin war überrascht. "Müßten es doch besser wissen", sagte er leise und schüttelte den Kopf.
    "Sucht weiter!" befahl Starkhand. "Aber haltet den Gegenhang im Auge! Die Lawine hat ihn erschüttert. Wenn die Sonne ihn erreicht, brecht ihr die Suche ab."
    Er winkte Pirmin und den Geretteten, die sofort in Decken gepackt wurden, und befahl zwei Reisige dazu.
    "Bringen wir sie nach Burgls. Diese hier wollen sich aufwärmen."

Am Eissee

Cwmachdod ra Mortael. Nachricht für Fynn Cwmachdod 10 ."
    Die Danannain hatten nicht lange gewartet, bis sie den Mund aufmachten. Ein warmes Getränk belebte ihre Geister, das heiße Bad lehnten sie ab.
    "Erst zu Fynn Cwmachdod!"
    Starkhand hatte sie eine Weile betrachtet; ihre Art zu reden klang fremd, und noch zitterten sie vor Kälte. Dann offenbarte er sich.
    "Er steht vor Ihm. Sag Er mir die Nachricht."
    "Wir haben dem Tod in die Augen gesehen, Fynn. Du hast uns geholfen, diesen Kampf zu gewinnen. Das ist ein guter Tag!"
    Der Wortführer war der ältere der beiden Männer; der jüngere klammerte sich schweigend an den Becher mit heißem Gewürzwein.
    Starkhand machte eine gewährende Geste.
    "Ich bin Glawrym, ein Breiddedd 11 von Gwallcaer 12 , Bote meines Righ 13 ." Glawrym wies auf den jüngeren Mann und sagte: "Er ist Uvalor, Krieger und Bote meines Righ."
    Und dann sagte er die Nachricht auf, ausgesandt von "Twrch Trwyth, Herrscher über Dwyllugnach" - Starkhand horchte auf: es war also kein Gerücht! 14 - "Righ der Danannain, Fynn zu Gwallcaer" und bestimmt für ihn, den Clanthonier, wie man ihn jetzt oft nannte, verkündet mit allen Titeln und salbungsvoll beginnend:
    "In unruhigen Zeiten muß ein Volk zusammenhalten. Im Sinne des Landes und des Volkes sind wir alle gefordert, um das weitere Bestehen von Tir Thuatha zu gewährleisten."
    Starkhand wußte wenig über den neuen Righ der Danannain, doch er sah, daß dieser Albatanors 15 Abwesenheit und Draywydhs 16 Schweigen nutzte, daß er sie überging und einem unbedeutenden Fynn durch die Aufmerksamkeit eines Stammkönigs zu schmeicheln suchte. So viel Sorge aus dem Land der Eigenbrötler machte Starkhand mißtrauisch.
    Glawrym sagte, durch die Unachtsamkeit des Garwydd 17 seien ganze Landstriche verwüstet und entvölkert worden - nicht zwischen Dhanndhcaer und dem Frühlingspfad, fand Starkhand. Außerdem sei es Siber Lobar nicht gelungen, die Stämme zu einen, hörte er dann, und er dachte:
    ,Darin teilt er Hägors Schicksal. Gerade die Danannain haben sich immer der Einigung widersetzt.‘
    Er ließ Glawrym weiterreden:
    "Der letzte Winter hat durch seine Länge und Härte einen Teil beigetragen. Er hat in der gesamten Bevölkerung viele Opfer gefordert. Somit sind viele Plätze an den Feuerstellen der Thuatha leer."
    Der Lange Winter war überstanden. Selbst in Tir Danannain sollten nun wieder scharenweise Kinder um die Feuerstellen krabbeln, dachte Starkhand. Fast hätte er gelacht, doch nun zeigte sich die wahre Natur der Botschaft:
    "Aus Cladhainn und Nemhedhainn drängen immer mehr Flüchtlinge in die befriedeten Gebiete. Um eine größere Katastrophe zu verhindern, halte ich alle Fynns an, den Flüchtlingen die vom Winter leer gewordenen Plätze anzubieten."
    Durch Glawryms Mund mahnte Twrch Trwyth, Sippen zusammenzuhalten und Einheimische nicht zu überfordern. Man sei unter Brüdern, alle sollten ein Dach über dem Kopf haben, denn schließlich würde so das Aussterben der Dörfer verhindert. Ein Übermaß an Flüchtlingen solle nach Nor geschickt werden. Dort würden sie herzlich aufgenommen.
    Wirklich hellhörig wurde Starkhand, als Glawrym ankündigte, daß nach Samhain Weiße Frauen und Schamanen "in ganz Dwyllugnach" umherziehen und sich um die Zusammenführung zerstreuter Sippen kümmern würden. Keiner solle den Winter im Freien verbringen. Eben jene Abgesandten sollten auch ihm, Starkhand, mit Rat und Tat zur Seite stehen.
    "Danas Segen mit Euch!" schloß Glawrym die Nachricht seines Stammkönigs. "Du siehst, Fynn: mein Righ schätzt dich sehr", behauptete der Danannain und schlürfte seinen gewürzten Wein.
    Starkhand lächelte verhalten und nickte.
    "Ich nehme an, der Righ erwartet eine Antwort." Er rieb sich die Hände und erforschte Glawryms Züge.
    "Oh, mein Righ möchte dir keine Mühe machen, Fynn, aber ich nehme deine Antwort gern in mich auf und trage sie gleich zu ihm."
    "Wo wird Er seinen Righ finden?" fragte der Herr des Frühlingspfades beiläufig.
    "Dort, wo der Righ gebraucht wird."
    Starkhand sah ein, daß der Barde ihm nicht verraten würde, wie weit die Hauptmacht der Danannain bereits gekommen war.
    "Er wird nicht sofort reisen müssen", versicherte er darum, trat an die Tür des Gemachs und rief den Mallgrafen herbei.
    "Diese beiden tapferen Männer hier sind sehr mitgenommen. Der weiße Tod war gnädig, doch nun müssen sie sich erholen, nicht wahr?"
    Pirmin spürte, wie der Herr des Frühlingspfades seinen Unterarm drückte. Er begriff sofort.
    "Sie werden viel Zeit brauchen, um zu Kräften zu kommen. Und dann müssen wir warten, bis die Straßen wieder frei sind", sagte er bedauernd.
    Uvalors Mund stand offen, Dampfschwaden umspielten sein hageres Antlitz; Glawrym runzelte die Stirn, sagte aber nichts.
    "Aber das macht keine Umstände", fuhr der Mallgraf in der thuathischen Mundart der hiesigen Bergler fort. "Es ist uns eine Ehre, euch Obdach zu geben. Solange es nötig ist."
    "Jawohl", bekräftigte Starkhand. "Keiner soll den Winter im Freien verbringen."

Kaum hatte Starkhand von Calan die Feste Burgls verlassen, sandte er Krieger talabwärts, damit sie eilig Botschaften überbrächten.
    "Bringt die Befehlshaber nach Glurns! Von Burgls und Hochnatz sollen Kundschafter paarweise nach Nor und Est gehen. Binnen zehn Tagen will ich alles wissen über die Wege von Andelkrag bis zum Kessel!"
    Er sandte einen zur Reichenberg, den Herrn von Taufers zu holen und einen nach Haus Calan in Goldrain, wo schon Mitglieder des Ringes eingetroffen waren, um das Winterfest nicht zu verpassen. Innerflich fluchte er, weil es im Lawinenmond unmöglich war, zum Kevedal zu gehen, um durch das Auge zu schauen. So würde er sich auf Kundschafter und Vermutungen verlassen müssen.

Am Abend des folgenden Tages waren die Edlen der Täler am festen Ort Glurns versammelt, um zu erörtern, was die Botschaft der Danannain wohl bedeuten mochte. Starkhand gab die Worte wieder und sagte, was er davon halten wollte:
    "Da spricht väterlich ein gütiger König zu mir, einer, dessen Anliegen ganz Tir Thuatha ist, nicht bloß sein eigener Hof. Wohl übertreibt er maßlos und malt in düsteren Farben, doch nicht jeder, der so angesprochen wird, kann das ganze Bild sehen."
    "Wissen wir denn mehr?" rief jemand dazwischen.
    "Leider nicht", bedauerte Starkhand, "doch seht, wie er mit keinem Wort auf die Herren der Länder eingeht, um die er sich vorgeblich sorgt. Sie sind kaum noch eine Gefahr, sagt er mir! Er sieht verwaiste Throne und schätzt den Garwydd, der einst Calangor 18 unterlag, gering, doch aber nicht so gering, daß er ihm nicht noch ein wenig Niedertracht anhinge. Nein, das einzige Hindernis auf seinem Weg zum Purpurthron ist Gwyddor, der Fürst der Bolghinn. Er soll es sein, vor dem das Volk flieht."
    Starkhand breitete die Arme aus und sah ins Rund. Einen Augenblick hörten sie nur das Knistern der Kohlebecken, die etwas Wärme spendeten.
    "Wer flieht vor wem wohin?" fragte Lorenz von Taufers mit grüblerischer Miene.
    "Das wissen wir nicht", erwiderte Starkhand seinem Rivalen aus Jugendtagen. "Die Laighinn jedenfalls fliehen nicht, die Cladhinn tun, was sie wollen, Nachrichten aus Nemhedhainn haben wir nicht, und als ich im Sommer durch Tir Bolghainn reiste, herrschte Ruhe. Wie ich sagte: der Righ übertreibt."
    "Mag sein, daß sein Stuhl so sehr wackelt, dass er den Übermut seiner Krieger dämpfen will, indem er sie auf einen Kriegszug schickt!" vermutete der Ritter Opo, der oft im Nor weilte und sich gern "von Gewallkar" oder auch "Cawd O‘Porgr" nannte. "Vielleicht hungern sie da oben, so daß sie diesmal alle auf Plünderzug gehen
    müssen." Er grinste.
    "Unsinn!" beschied ihn der Herr von Taufers. "Niemand führt einen Winterkrieg im Gebirge."
    "Das sind Danannain, mein Guter ..." - "... und wir sind die Herren dieser Berge!" fuhr Lorenz von Taufers dem Ritter dazwischen. "Die Fellträger werden sich blutige Nasen holen!"
    "Genug!" versuchte Starkhand zu schlichten. "Niemand möchte, daß Heere über den Frühlingspfad ziehen und die neuen Pflanzungen verwüsten. Mautpfennige und Gold aus Dhanndhcaer allein erhalten uns hier nicht am Leben, vergeßt das nicht!"
    In diesem Augenblick wurde ein Flügel der Saaltüre geöffnet und mit einem kalten Windhauch betraten mehrere Frauen und Männer den Raum.
    "Herr, hier sind Finail von Schnals und Margag von den Cumhael samt Gefolge!" meldete die Wache.
    "Es ist gut", sagte Starkhand und wies den Neuankömmlingen Plätze an.
    "Das Schnals ist wieder gangbar", sagte Finail, ein halber Laighinn. "Euer Bote kam von Natz auf uns, da sind wir gleich mitgeritten. Was gibt es mit den Danannain? Ist es schlimm?"
    "Weiß ich nicht", wehrte Starkhand ab, "womöglich nur üblicher Hader zwischen den Stämmen."
    Dann setzte er die Nachzügler rasch ins Bild. Als er damit fertig war, sah er in nachdenkliche Gesichter.
    "Ihr seht, auf die eine oder andere Weise kann Unheil über uns kommen. Sagt mir also, wieviele ihr zu den Waffen rufen könnt. Beginnen wir mit Euch, Finail."
    "Ein volles Hundert wohl. Gibt nicht viel zu tun, wenn das Vieh im Stall steht."
    "Wißt Ihr, ob die Verkünder von Katz herunter können und wieviele zur Zeit dort weilen?"
    Starkhands Magen zog sich zusammen, als er das fragte. Die um Hilfe zu rufen, behagte ihm gar nicht, doch sie hatten den Lehnseid geschworen und waren zur Heerfolge verpflichtet.
    "Meine Leute graben sich noch durch die Schneewehen. Vielleicht haben wir sie in zwei Tagen befreit. Zum Winterfest sind sie alle gern unter ihresgleichen und strömen nach Hause - drei- oder vierhundert sind’s, würde ich sagen."
    "Gut. Margag?"
    "Sechs Dutzend, Herr. Verzeiht, ein paar sind Richtung Cascaer 19 davon, wegen der Verwandtschaft."
    "Was steht in Parzinn?"
    "Ohne die Flatha Thuatha zwanzig Ritter, vielleicht ein Dutzend berittene Laighinn-Krieger, dazu fünf Dutzend Reisige", antwortete ein Befehlshaber.
    "Im Martell und in Goldrain versammele ich zweihundert binnen dreier Tage." Starkhand zählte es an den Fingern ab. "Pirmin? Wie stark ist Eure Besatzung?"
    "Ein paar mehr als hundert, dazu fünfzig hier in Glurns."
    "Lorenz! Euer Beitrag?"
    "Ein knappes Gros zur Zeit. Obertal, Dafeu und Sulda sind nicht erreichbar. Gebt mir eine Woche und gutes Wetter und ich bringe dreihundert."
    "Etwas über tausend ...", rechnete der Herr von Calan zusammen.
    "Eintausend, davon vielleicht ein Drittel beritten: genug, um auszuharren, aber zu wenig, um zu kämpfen."
    Die Edlen murmelten durcheinander. Eine Weile wogte die Beratung hin und her, doch bald wurden sie von Starkhand unterbrochen:
    "Müht euch nicht! Vielleicht geschieht in diesem Winter noch gar nichts, vielleicht erst im Frühjahr, vielleicht überhaupt nicht. Wie es auch kommen mag: richtet alles her für eine lange Belagerung und betet, daß Ihr Eure Vorräte in Frieden verzehren könnt! Beratet Euch in Ruhe, doch richtet es so, daß alles in nicht mehr als drei Tagen bereit ist!"
    Starkhand gesellte sich zu Lorenz und Opo.
    "Folgt mir! Hentze hat Geleit ausgewählt. Ihr sollt dabei sein, wenn ich denen meine Nachrichten auftrage." Er winkte weitere der Edlen zu sich heran. "Dederich! Uldine! Frau von Greiffenklau! Hat es niemand aus Lambar geschafft? Nun, es ist auch noch zu früh ..."

Starkhand ging voran und führte sie in die Schulzenstube. Dort wartete Hentze Blader zu Loon bereits mit Frauen und Männern in Grün und Silber.
    "Hentze! Ist der Glurnser greifbar?"
    "Der Schulze trägt das Nötige zusammen", antwortete Calans Herold. "Weil Ihr sagtet, daß noch heute nacht ..."
    "Das will ich, ja", fiel ihm Starkhand ins Wort.
    Dann nahm er kurz Hentzes Bewaffnete in Augenschein und sprach zu ihnen: "Ihr werdet noch heute nacht aufbrechen, mit Botschaften, die ich euch gleich aufsage. Falls nötig, soll ein jeder von euch sie überbringen können. Hört also gut zu!"
    Sie setzten sich.
    "Was wird passieren, denkt ihr?" Starkhand blickte ins Leere, das Kinn auf die verschränkten Hände gestützt.
    "Habt Ihr daran gedacht, daß der Danannain nur ein wenig Wind machen könnte?" fragte Uldine von Latsch.
    "Unvorstellbar", widersprach der Ritter Opo. "Daß sein Wind bis zu uns durchdringt, macht daraus einen Sturm. So viel Mühe hat sich noch kein Plünderer mit Drohgebärden gegeben. Nein, Twrch Trwyth marschiert! Er will auf den Thron!"
    "Wohin wird er sich wenden?" wollte Starkhand wissen. "Lorenz, was meint Ihr?"
    "Hat er es eilig? Dann nach Dhanndhcaer. Doch dafür ist er zu schwach. Ist er klug, läßt er Dhanndhcaer in Ruhe und nimmt den Kessel über den Lambar-Paß. Das kann erst im Frühjahr geschehen", behauptete Lorenz.
    "Er wird es im Winter tun", beharrte Opo, doch der Herr von Taufers winkte nur ab.
    "Ist er wirklich schon mächtig genug", fuhr er fort, "oder verrückt, oder beides, dann geht er nach Ahnarab 20 , und dann vielleicht weiter, über den Tyre, nach Andelkrag und auf den Frühlingspfad."
    Opo von Gewallkar lachte, doch Starkhand bedeutete ihm zu schweigen.
    "Opo, Freund, ich weiß, du kennst die da oben gut und denkst fast wie sie, aber wie du schon sagtest: wir reden nicht über einen Plünderzug." Er legte dem Ritter eine Hand auf den Arm. "Ich habe dir gesagt, wie es in Sambur aussieht, daß sie uneins sind. Wir haben Nachricht von Wolf und Else aus Beornanburgh 21 : Albyon ist im Inneren zerrissen. Der Danannain brächte Albyon und Sambur gegen sich auf, marschierte er über beider Grenzen. Vielleicht stünden sie auf gegen Tir Thuatha - Sambur allein nicht, aber wenn Albyon gen Nor zöge... Das eint die Righs und der erste am Feind ist der Danannain, die übrigen Thuatha hinter sich. Er würde beteuern, nur das Wohl des Landes im Sinn gehabt zu haben; die Drohung der bösen Bolghinn habe ihn zu dem Umweg gezwungen. Und vergessen wir nicht: der Ruhm des Danannain wächst mit der Zahl seiner Feinde!"
    Starkhand lachte bitter.
    "Wir könnten ihn nur ziehen lassen. Mögen die Bolghinn den Seinen an Zahl überlegen sein, so ist er uns ebenso überlegen und die Bolghinn wären weit weg. So sie niemand riefe ..."
    Diese Andeutung rief Murren hervor. Starkhand hob beschwichtigend die Hände.
    "Gemach! Laßt uns nicht so weit abschweifen. Die wirkliche Gefahr droht woanders: natürlich lockt den Righ das fette Laighainn, und obwohl sie ihn dort nicht mögen werden, können wir nicht wissen, wieviele doch mit ihm zögen, weil sie die Niederlage fürchten und der Unterlegene selten gute Geschäfte macht."
    Er hielt kurz inne.
    "Wer aber sagt uns, daß sich die Cladhinn nicht auf seine Seite schlagen? Ist der Danannain nicht viel mehr von ihrer Art als es der Druide auf dem Thron je sein kann? Kommt es so, nimmt er den Lambar-Paß 22 als Gast. Dann tun wir, was wir immer getan haben: uns ducken und eingraben, so lange, bis ein anderer dem Fellträger den Schädel einschlägt."
    Mechthilde von Greiffenklau hatte den ganzen Abend über geschwiegen. Nun meldete sie sich erstmals zu Wort:
    "Ist es denn nicht einerlei, welcher der Stämme den Thron erobert? Muß uns das etwas bedeuten? Sich einmischen heißt auch, Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Unsere Stärke war immer die Verborgenheit."
    Starkhand begegnete ihrem herausfordernden Blick, doch bevor er etwas sagen konnte, grollte Lorenz von Taufers vernehmlich:
    "Wir haben uns bereits eingemischt, vielmehr hat er es getan, als er letzten Sommer dem Druiden zu Gefallen war." Er wies mit dem Daumen in Starkhands Richtung.
    "Zu unser aller Vorteil!" wies Starkhand den Tauferer zurecht. "Wir beide können uns darum zanken, wenn das hier erledigt ist. Bis dahin dulde ich keinen Zwist!" donnerte er.
    Schnell beruhigte er sich, um Mechthildes Frage zu beantworten:
    "Der Righ der Danannain gebietet nicht mehr über Tir Danannain. Er hat Dwyllugnach ausgerufen, in deutlicher Erinnerung an den legendären Maithach. Damals scherten sich die Danannain nicht um Macht, doch als Clanthon den Gipfel seiner Macht erklomm, zogen die Danannain eine Grenze um sich und ihr Land. Twrch Trwyth ruft Dwyllugnach aus und sagt damit: Ich bin kein Teil mehr von Tir Thuatha. Aber er ist nicht Maithach! Er liebt die Macht und sagt: ich sorge mich um Tir Thuatha, und meint: von nun an bin ich euer aller Herr! Tir Thuatha ist ihm gleichgültig, wie ihm jeder gleichgültig ist, der nicht mit ihm zieht. Ich aber ziehe nicht mit ihm, denn sein Weg führt nicht nach Clanthon!"
    "Das du nicht wiedererrichten wirst", knurrte der Tauferer.
    "Wen schmähst du?" fuhr Starkhand ihn an. "Doch nicht deinen Eid auf das Land?"
    "Können wir uns dem Dringlichen widmen?" versuchte Opo die Streithähne zu trennen. "Ich bin zu jung, um zu wissen, worum dieser Streit einst ging, doch ich bin mir sicher, daß es niemand außer euch beiden etwas angeht."
    Starkhand erhob sich und nickte kurz.
    "Ich bitte um Verzeihung. Die Sorge um Calan hat mein Gemüt überschießen lassen."
    Er wandte sich Lorenz von Taufers zu und sagte:
    "Ich lege den Frühlingspfad in Eure Hände, Lehensmann. Ihr habt den Befehl über die Tausend, die wir heute gezählt haben. Mallgraf Pirmin wird Euch zur Seite stehen. Er ist in all meine Absichten eingeweiht und wird sie Euch weisen für den Fall, daß etwas fraglich ist."
    An diesem Fisch würde Lorenz von Taufers lange zu schlucken haben: das Tal in seiner Hand und doch Starkhands Getreue um sich herum, die Katzer am Hals und die widerborstigen Cladhinn, die vielleicht schon selbst der Feind waren.
    "Geht jetzt und redet mit den Edlen im großen Saal. Sie werden Euren Rat brauchen."
    Derart verscheucht wußte Lorenz nichts gescheites mehr zu antworten. Darum stand er schweigend auf und ging. Höflichkeiten blieb er schuldig.
    "Ich selbst breche morgen früh nach Peutin auf", kündigte Starkhand an. "Meister Hentze sucht mir ein halbes Dutzend Ritter, die mich begleiten. Der Truchseß soll daran erinnert werden, in wessen Namen ich ihm begegnet bin. Auf keinen Fall darf er stillschweigend hinnehmen, daß der Danannain nach der Macht greift. Es wird vielleicht den Zwist in Sambur beenden, wenn sie durch mich aufgefordert werden, Heere nach Rotturm und Andelkrag zu stellen. Gelingt das nicht, bin ich rasch daheim, um nach dem Rechten zu sehen."
    Er barg die Nase in seinen gefalteten Händen und drehte sich langsam herum, bis er den schweigenden Dederich Tels ins Auge faßte.
    "Der Tels mag nach Albyon gehen und die Unsrigen von allen Ratschlüssen unterrichten. Wollt Ihr das tun?" Starkhand sah den Steinschmied nicken. "Geht, sobald wir hier fertig sind. Bei Morgengrauen sollt Ihr an der Grenze sein."
    Sein nächster Blick galt Frau von Greiffenklau.
    "Edle Mechthilde, Euch möchte ich nach Dhanndhcaer an den Hof des Garwydd senden. Die Straßen sind Euch vertraut und Ihr werdet die Fahrt mit Meister Hentze und großer Bedeckung unternehmen. Die Wege werden jedoch nicht immer frei sein ..."
    "Mich schreckt dergleichen nicht", erwiderte die Edelfrau. "Was aber werde ich ausrichten?"
    "Zweierlei. Zum einen werdet Ihr denen des Ringes in Dhanndhcaer Bescheid geben. Zum anderen werdet Ihr dem Garwydd begegnen. Ist er nicht greifbar, schweigt Ihr."
    Er dachte kurz nach und trug dann seine Botschaft vor:
    "Ich grüße den Herrscher auf dem Purpurthron und sage: Seht, Calan hütet Eure Grenze treuer als jene, die vielleicht bald gegen Euch stehen. Seht, Calan steht ohne Eid treuer als jene, die Euch Eide schworen. Seht auch, Calan trotzt dem Eis und all seinen Gefahren. Calan aber ist arm und kann keine Geschenke machen, deshalb wird der Garwydd diese Treue einst entlohnen und großmütig seine Stimme für Calan erheben, wenn Calan dem Nachbarn geringe Güter abfordert. Möget Ihr lange Zeit in Frieden herrschen ... und was dergleichen mehr ist - Ihr kennt das ja: Gemeinschaft, Einigkeit ..."
    "Ich verstehe", sagte Frau von Greiffenklau. "Aber ist der Garwydd nicht der Ansicht, daß die Bestätigung Eurer und unserer Rechte ausreichende Entlohnung für lange Zeit ist?"
    "Mag sein", gab Starkhand zu, "doch gebt ihm dann zu bedenken, daß wir die Bedrohung durch die Danannain vielleicht gesünder als er überstehen. Wir igeln uns ein in den Bergen; die Stacheln seines Igels sind die Speerspitzen der Danannain." Er lächelte. "Möge dieses Schicksal den Garwydd verschonen. Wenn wir siegen, dann gemeinsam und so fort. Ehrerbietig und alle Titel."
    Er wies auf Hentze Blader, den Herold von Calan.
    "Er wird Euch bis Dhanndhcaer begleiten. Reitet auch mit ihm zurück, wenn nichts dazwischenkommt, oder bleibt sonst dort in Molsbergs Haus, wenn Ihr mögt." Starkhand sah den Herold fast vergnügt an. "Meister Hentze, Ihr sollt für mich den Righ der Bolghinn suchen."
    "Ihr ruft um Hilfe?" Hentze wirkte mißmutig.
    "Vergeßt Ihr, daß wir in dieser Sache die Maus sind und nicht die Katze?" stichelte sein Lehnsherr. "Ich möchte nur, daß der Danannain so fern als möglich von uns steht. Eure Aufgabe ist es, zu erkunden, wie das zu machen ist. Stellt Euch vor, Gwyddors einzige Sorge wären der Thron und die Mauern, die ihn bergen! Er bliebe im Tannenland stehen und die Fellträger bewegten sich frei um ihn - und uns! - herum. Fielen dann noch die Cladhinn um, bliebe ihm der Kampf, der schönen Lieder wegen, die dann über seinem Leichnam gesungen würden, oder, die Waffen zu strecken."
    Starkhand schlug mit der Faust in die offene Linke.
    "Grüßt ihn ehrerbietig, gebt an, der Widerhall seines Namens sei bis in den Süden gedrungen und sagt, daß wir - wie er - wüßten, daß der Tamairpaß ein weicher Bauch sei, der dringend gerüstet werden müsse. Tragt nicht zu dick auf, denn ein Zuviel an Schmeichelei könnte ihn anwidern. Hm, sagt, wie ruhmreich es sein müsse, Dhanndhcaer und den Kerri zu halten, und daß es so viel mehr Ehre einbrächte als einfach nur den Kessel zu besetzen, was selbst dem einfachen Geist unausweichlich erscheinen muß."
    "Wieso soll er von Dhanndhcaer lassen? Das wird ihm nicht einleuchten", gab Hentze zu bedenken.
    "Soll er ja nicht gänzlich. Seht, am liebsten wäre es mir, wenn er nach Ahnarab ginge, um die Laighinn gen Tir Danannain zu treten. Doch man sagt, Gwyddor sei bedächtig und denke stets an die Wahrung des Friedens. Wir werden ihn nicht aufstacheln können, also unterbreiten wir vorsichtige, vernünftige Vorschläge. Lockt ihn: wenn er an Tir Cladhainn denkt, wußtet Ihr bereits, daß er daran denken würde! Wenn er über den Paß grübelt, habt Ihr verstanden, daß es selbstverständlich ist, ihn zu besetzen. Wenn er Laghainn sagt, hättet Ihr euch denken können, daß er natürlich nach Ahnarab gehen muß. Und dann haltet Euch vornehm zurück, bittet artig um Bescheid und kehrt rasch wie der Wind heim, denn Ihr werdet hier gebraucht."
    "Hauptsache, das Loch ist gestopft." Hentze hatte verstanden. "Meine Dame! Noch zwei Kerzen Zeit, dann reiten wir!"
    Starkhand klatschte in die Hände.
    "Auf! Säumt nicht!"

Es gab einen kurzen, rüden Wortwechsel, als sich Starkhand von Calan und Lorenz von Taufers in dieser Nacht noch einmal begegneten. Dann ging jeder seiner Wege.
    Starkhand ritt mit kleinem Gefolge talabwärts auf Goldrain zu, bei ihm die ausgesuchten Ritter, der Herr Opo und die Herrin Uldine von Latsch. Er lud beide in sein Haus ein, denn er hatte noch mit ihnen zu reden.
    Sie ritten in den Hof und betraten das Stammhaus des einstigen calanischen Herzogtums durch eine Halle, in der eine Sammlung von Waffen, schrecklichen Masken und anderen Zeichen an die suebischen Ahnen erinnerte. Im Haus herrschte bereits geschäftiges Treiben, denn Starkhand hatte einen Ritter vorausgeschickt, der für die Ausrüstung seines Zuges sorgen sollte.
    "Ein Nachtmahl für drei in die Ofenstube! Was warmes und heißen Most!" brüllte der Hausherr in unbestimmte Richtung, während er einer überraschten, verschlafenen Magd den schweren Pelzmantel zuwarf.
    "Ausbürsten und trocknen!" befahl er. "Wir reiten bei Morgengrauen!"
    Das Feuer in der Ofenstube brannte
    winters Tag und Nacht. So dauerte es nicht lange, die Kälte des eiligen Rittes, der ein Drittel der Winternacht gedauert hatte, aus den Knochen zu treiben.
    Noch bevor sie sich stärken konnten, erklärte Starkhand dem Ritter Opo seinen Auftrag:
    "Freund, für dich habe ich eine besondere Aufgabe und ich werde dich nicht zwingen, sie anzunehmen, denn sie kann dich den Kopf kosten."
    "Ich soll dem Righ von dir antworten", erriet Opo das Unausgesprochene und lächelte.
    "Wenn du dich getraust: ja", bestätigte Starkhand. "Du bist nicht durch Lehenspflicht an mich gebunden, nur durch Freundschaft, deshalb werde ich dir keinen Befehl erteilen ..."
    "Sprich!"
    "Vielleicht das schlimmste für dich ist," - Starkhand grinste breit - "daß du als der gehst, der du einmal warst. Du gehst gerüstet und in Calans Farben und du gehst mit einem tüchtigen Knappen ..."
    "Wie weit soll ich so wohl kommen?" maulte Opo.
    "Wenn du mein Bote bist, kannst du nicht so tun, als seist du einer der ihren. Rede wie sie, benutze deine vielen Namen, aber du gehst als Ritter von Calan, in Grün und Silber. Und du gehst den langen Weg, über Sambur nach Ahnarab, wo du einigen Händlern Briefe übergibst. Von dort wendest du dich nach Nor, immer am Rand des Gebirges entlang gen Kerrburg 23 ."
    "Wo hält sich der Danannain auf?" fragte Opo kauend.
    "Das kann ich dir nicht sagen. Weiter als bis Gwallcaer wirst du nicht gehen müssen", feixte Starkhand.
    Opo lachte auf.
    "Jenseits von Kerrburg wirst du bald auf Danannain treffen, die wissen, wo sich ihr Righ aufhält - seiner Botschaft nach hat er bereits viele der Seinen in Bewegung gesetzt." Starkhand sah dem Freund in die Augen. "Wir müssen Vorkehrungen treffen, um dich und uns zu schützen, Opo ..."
    "Uldine hier soll mir Herz und Hirn zurechtbiegen ..." Der Ritter verzog den Mund. "Hab’ ich es getroffen?"
    Uldine von Latsch schwieg, Starkhand nickte bedächtig.
    "Hab’ Vertrauen! Ein Kräutertrunk, ein sanfter Schlaf, mehr ist nicht dabei. Du wirst dich nicht an die Beratungen dieser Tage erinnern können", sagte Starkhand. "Deine Erinnerungen werden andere sein. Möglich, daß Twrch Trwyth dich peinlich befragen läßt, weil Argwohn in ihm keimt. Dann wirst du dies ausplaudern: daß Calan in Wirklichkeit nicht anders als in Frieden leben will, daß der Winter uns lähmt, daß wir kaum fünf Hunderschaften aufstellen können, und daß wir keine Liebe hegen für die Stämme und ihre Righs. Wenn er dich weiterquält, wird er hören, daß Calan allein steht, ohne Freunde in Tir Thuatha oder gar Sambur, daß wir zerstritten sind und es nicht fertigbringen, die Macht unserer festen Orte zu erhalten, daß unsere Reichtümer durch Dummheit verloren gingen, daß wir uns übervorteilen lassen, daß alles wankt und nichts an uns gefährlich ist, ja, daß Angst uns erfüllt. Vielleicht dauert ihn, daß der Überrest eines altvorderen Stammes dem Jammer anheimfällt, doch das wird ihn nicht nur verächtlich, sondern auch ruhig und milde stimmen."
    In diesem Augenblick trugen Dienstboten Platten mit Brot und Butter und Schüsseln mit heißer Suppe in die Stube, dazu Krüge voll dampfendem Apfelmost. Sie deckten einen Tisch damit und zogen sich zurück.
    "Ah!" freute sich der Ritter. "Das wird es mir erleichtern!"
    Bald darauf schlürfte und schmatzte er vernehmlich. Auch Starkhand spürte den Hunger kneifen.
    "Gut", sagte Opo und meinte das Essen oder Starkhands Auskünfte oder beides, "was für Töne aber wird der Righ hören, solange er sich gastfrei zeigt?"
    "Das werde ich dir sagen, wenn ich satt bin", antwortete der Herr von Calan und biß vom Brot ab.

Uldine von Latsch, die heilkundige Herrin von Kastelbell, versetzte den Ritter Opo in einen seltsamen Schlummer. Die Augen halb geschlossen saß er da und gab auf alles matte Antwort, einem Traumwandler nicht unähnlich. Als sie eine Weile leise auf den Mann eingeredet hatte, gab sie Starkhand ein Zeichen und fragte:
    "Drei Botschaften willst du ihm auftragen, sagtest du?"
    Starkhand nickte.
    "Dann beginne!", sagte die Dame und zog sich einen Schritt zurück.
    Starkhand tat wie ihm zuvor geheißen und gab dem Ritter flüsternd jene Lügen ein, an die er sich erinnern sollte, wenn jemand Wahrheiten aus ihm herauspressen wollte, und daß des Righs verletzte Botschafter verhindert seien und dem Lande besten Dienst erwiesen. Dann weckte er Opo, um ihm die Botschaft für den Righ der Danannain aufzusagen:
    "Starkhand von Calan, den man Cwmachdod ra Mortael nennt, Fynn vom Pfad des Frühlings und Herr von Himmelswehr grüßt den Righ aller Danannain, Twrch Trwyth, der Fynn von Gwallcaer ist. Wohl tut es dem wunden Herzen, den Mann des Schwertes voll Sorge zu finden für sein Volk. Das heißt Hoffnung für das Land, wenn die Schreie der Armseligen nicht ungehört verhallen. Wohl tut es dem stets besorgten Herzen, auch andere in Sorge zu sehen. Und so wie Ihr Euch um die Danannain sorgt, so sorge ich mich um die Meinen. Ich nenne es gut, daß ein jeder, der mächtig ist, sich sorgt um die Seinen, und ich nenne es gut, daß ein jeder dem anderen seine Sorge mitteilt, denn so weiß ein jeder, daß der Nachbar guten Herzens ist, und ein jeder weiß, daß er da an seinem Platz das rechte tut."
    Starkhand mußte kurz innehalten, um seinen Unmut zu dämpfen, dann fuhr er fort:
    "Empfangt also den Dank derer von Calan, Dank, der ebenso groß sein soll wie Eure Sorge um uns. So ruhig könnt Ihr sein, weil Ihr vernehmt, daß es gut um uns steht, daß die Last Eurer Sorge leichter sein wird. Den Segen des Schöpfers erbittet für Land und Leute: Starkhand von Calan."
    Und hintendran fügte er den Satz:
    "Gewährt diesem Boten Obdach für eine Nacht und einen Tag, dann soll er zurückkehren und mir Grüße von Euch senden."
    Starkhand nickte Uldine zu. Die Edelfrau trat hinzu und murmelte etwas in des Ritters Ohr, worauf dessen Augen wieder zufielen. Sie gab Starkhand das Zeichen, fortzufahren. Wieder flüsterte er:
    "Opo! Ist des Righs Antwort höhnisch und wütend und nennt er mich seinen Feind, so wirst du ihm nichts weiter sagen. Dann begib dich nicht in Gefahr und kehre hierher zurück. Erklärt er sich offen, kehre zurück. Warst du eine Nacht geehrter Gast, wirst du dich am nächsten Morgen an meine zweite Botschaft erinnern!"
    Nachdem Starkhand den Ritter ein zweites Mal geweckt hatte, sagte er:
    "Dies noch sagt Cwmachdod ra Mortael dem Righ der Danannain: Es flieht kein Volk in Calans Berge. Sommers sah ich Frieden zwischen Bolghinn und Cladhinn, winters wagt nur der Tapfere den Weg über eisige Höhen. Sprecht Ihr aber wahr, so bedarf es doch nicht Eurer Ermahnung, daß wir uns gastfrei zeigen. Der Pfad des Frühlings ist Heimstatt vieler Völker seit altersher. So gering Euer Wissen darum ist, so bitter fühle ich die Ermahnung. Das Volk dieser Berge hat jede Herrschaft ertragen und sich doch stets aus eigener Kraft gerettet. Es gäbe nicht Thuatha noch Gothori noch all die anderen hier, wenn wir die Zeitalter hätten darauf warten müssen, daß Ihr ins Leben tretet! Tut Ihr aber ein rechtes Werk für Tir Danannain, warum glaubt Ihr dann, Ihr fehltet uns?"
    Starkhand mußte sich zügeln, dem Ritter keine groben Schmähungen aufzusagen.
    "Waren das andere Zeiten, da der kampfbereite Fürst dem Feind zurief, daß er bereit sei, oder waren es andere Männer, die da fragten, ob der andere Freund oder Feind sei? Was seid ihr? Ihr nennt euch Herrscher von Dwyllugnach, doch Dwyllugnach ist ein Wort für Freiheit: Freiheit für die Danannain. Erringen wollt Ihr sie um den Preis der Freiheit anderer Völker. Es macht mich traurig, zu begreifen, was ein jeder begreifen kann, und doch zu sehen, wie der Fürst der Danannain sein Antlitz verhüllt. Cwmachdod ra Mortael ersehnt den Anblick Eures wahren Gesichtes."
    Starkhand atmete durch und schloß:
    "Gewährt diesem Boten Obdach für eine Nacht und einen Tag, dann soll er zurückkehren und mir von Eurem Gesicht berichten."
    Starkhand lehnte sich zurück. Abermals beugte sich Uldine vor und sagte dem Ritter leise Worte ins Ohr. Als sie fertig war, flüsterte Starkhand:
    "Opo! Wütet der Righ und nennt er mich seinen Feind, so sage nichts weiter. Bleib gesund an Leib und Leben und kehre zurück. Erklärt er sich, kehre zurück. Warst du eine weitere Nacht geehrter Gast, wirst du dich danach an meine letzte Botschaft erinnern!"
    Nachdem Starkhand den Ritter Opo abermals geweckt hatte, gab er ihm auf:
    "Es grüßt Euch der Herr von Himmelswehr ein letztes Mal, denn dieser Bote soll Euch am dritten Tag verlassen. Der Righ der Danannain hat nun Antwort für mich, oder keine Antwort ist mir Antwort. So oder so sage ich Euch, wer uns Herr ist und wer nicht. Wisset denn: Calan dient dem Land und das Land ist heilig. Diesen Dienst versehen die Menschen in Eintracht, um der Finsternis zu wehren. Macht die Herrschaft dem Dienst Ehre, folgen wir ihr. Ist die Herrschaft der Eintracht Tod, so wird sich Calan ihr verweigern. Der gegen die Unehre aufsteht, dem folgen wir. Der gegen die Ehre aufsteht, dem wehren wir. Wir folgten Martell 24 und wir folgten Dyffedd 25 . Wir wehrten dem Möllbarth und den schwarzen Dämonen. Wir folgten Dhanndh Hägor. Die Schande des Garwydd müßt Ihr beweisen. Beweist Ihr sie nicht, steht Ihr gegen die Ehre."
    Ein letztes Mal sagte Starkhand das Wort zum Geleit des Boten:
    "Dies sagt Euch Starkhand von Calan durch seinen Boten. Der soll nun zurückkehren und Zeugnis ablegen von Eurer Ehre."

Der Morgen graute. So übernächtigt wie sie waren, spürten die Freunde die Kälte durch alle Wolle und allen Pelz hindurch. Da war ihnen die Nähe ihrer Rösser willkommen. Bepackt mit dem Nötigen standen zwei Reisegesellschaften bereit; bis zur Grenze würden sie gemeinsam reiten.
    "Starkhand! Wird mich der Stein in meiner Brust nicht umbringen?" Opos Linke ruhte in der Gegend seines Herzens.
Der Scherge    "Es ist nur ein Splitter, Opo. Dein Blut ist auf dem Mutterstein, ein Splitter des Steins in dir. Er mag dich gegen gewöhnlichen Zauber schützen, mein Freund, und verschafft uns Gewißheit über dein Schicksal." Der Herr von Calan schlug seinem Boten auf die Schulter. "Halte die Wunde nur gut sauber, dann ist der Schmerz zu ertragen. Nun aber aufgesessen!"
    Der Ritter Opo schwang sich auf einen Braunen; bei ihm waren sein Knappe und zwei Packpferde. Starkhand befahl einem halben Dutzend Ritter aufzusteigen - ihr Gepäck war leicht, gab es doch in Richtung Peutin genügend gastliche Häuser.
    Die Dame Uldine stand beim Gesinde; eingehüllt in einen großen Schal wollte sie die Männer verabschieden. Starkhand lenkte sein Roß auf sie zu und beugte sich zu ihr hinunter.
    "Es beruhigt mich, daß du ein Auge auf mein Haus haben wirst", sagte er dankbar.
    "Solange daß der einzige Gefallen bleibt, den ich dir tun muß", gab sie düster zurück.
    "Laß uns nicht streiten!" flüsterte Starkhand. "Wenn Stein oder Bote sagen, daß Twrch Trwyth der Feind ist, holst du die beiden Danannain von Burgls und gibst sie auf Ortelas Tisch. Ihre Seelen mag der Schöpfer haben, doch ihr grana gehört dem Land. Tu es, wenn die Zeit dafür kommt!"
    "Frau Hitt 26 macht keinen Unterschied zwischen den Völkern!" warnte Uldine.
    "Aber zwischen Herzen. Sie wird auf den Geschmack kommen ..."
    Mit diesen Worten ließ er die Freundin stehen. Ohne weiteres Aufhebens ritt Starkhand von Calan durch das Tor, dem glitzernden Morgen entgegen.

Anmerkungen:

1 hier: "Abendrot", der Lage wegen zurück
2 kleinerer Paß mit Saumpfad nach Erainn, der auf den großen Karten nicht auftaucht zurück
3 das erainnische Indairne, thuath. Yndairne zurück
4 Ort in einem Seitental des Rambachtals zurück
5 Seitental des Rambachtals mit Saumpfad nach Erainn zurück
6 Die Gemeinde Katz, die auf einem Steilabbruch oberhalb der Talschaft In Schnals liegt, gehört zum Lehen des Ordens der Verkündung der Einheit. zurück
7 Die Cladhinn stellen das Gros der Truppen, die "Flatha Thuatha" genannt werden. zurück
8 Talschaft, die von Wes auf den Riesenpaß herunterführt zurück
9 Talschaft, die von Est auf den Riesenpaß herunterführt zurück
10 Adelstitel in Tir Thuatha; rangmäßig ungefähr zwischen den clanthonischen Titeln Baron und Graf anzusiedeln zurück
11 Gesetzeskundiger Barde im Dienste eines Herrn, oft Berater oder Richter zurück
12 Stadt an der norlichen Küste des thuathischen Stammkönigreiches Tir Danannain zurück
13 Stammkönig der Thuatha, Herrscher über eines der Stammkönigreiche Tir Albghainn, Tir Bolghainn, Tir Cladhainn, Tir Danannain, Tir Krye, Tir Laighainn oder Tir Nemhedhainn zurück
14 Der schriftkundige Starkhand weiß, daß vor der Finsternis im eisigen Norest Agenirons ein eigenständiges Reich mit Namen Dwyllugnach bestand. Seine Wiederausrufung läßt ihn aufhorchen, weil sie die Einheit Tir Thuathas gefährdet. zurück
15 Albatanor ra An ist Stammkönig von Tir Laighainn (goth.: teils Calan, teils Lambar); er weilt in der Westlichen Welt. zurück
16 Draywydh ist Stammkönig von Tir Cladhainn (goth.: teils Calan, teils Sengor); er weilt gerüchteweise ebenfalls in der Westlichen Welt. zurück
17 Der Erzdruide Siber Lobar, ein Bolghinn, herrscht zur Zeit in Tir Thuatha. Da der Titel "Dhanndh" (Hochkönig) seinem Vorgänger Hägor ra Manan vorbehalten bleiben sollte, wählte Siber diesen Titel, der einfach "Erbe" bedeutet. zurück
18 Vorgänger von Twrch Trwyth, wurde dem Brauch gemäß nach sieben Jahren Herrschaft geopfert zurück
19 Stadt in Tir Cladhainn zurück
20 Stadt in Tir Laighainn zurück
21 Haupstadt des Reiches Albyon im Est zurück
22 Aufgang von Tir Laighainn nach Tir Cladhainn zurück
23 gothorisch für die Stadt Kerrcaer am Kerry zurück
24 Gründer Clanthons zurück
25 Bolghinn-König, der vor Möllbarth über Clanthon herrschte zurück
26 volkstümlicher Name für Ortela, die Mutter der Riesen zurück


 
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