Zurueck zum Herzen Geistliche Ritterorden in Clanthon
Bericht eines Kundschafters des Pendror ra Ys
gelesen des nachts, als er im Rausche lag
 
 
Geleit
Land
Volk
Adel
Wappen
Weistum
Dank

Seiner Hoheit, Pendror ra Ys,
Kämmerer von Clanthon

Edler Herr!
Wie erbeten sende ich Euch den Aufsatz, in dem ich ausführe, was an Antworten zu erlangen war, Eure Fragen nach jenen Ritterbünden betreffend, oft auch Orden genannt, die sich insbesondere mit dem Glauben an den Weltenschöpfer befassen.

Meine Nachforschungen führten mich nach Tir Thuatha. Die Clanthonier von Tir Laighainn und Tir Cladhainn berichten über "heilige" Männer und Frauen, die herumreisen und vom Glauben sprechen – stets bewaffnet, nie gerüstet, und es seien nur selten Clanthern.
    Es gelang mir, eine Zeitlang im Stammhaus dieser "Heiligen" zu leben. Man gab mir Auskunft, oft leider nur über Dinge, die dem Beobachter offenkundig sind, wenn ich auch sagen muß, daß ich viel über das gläubige Denken gelernt habe.
    Ich kann nicht sagen, wie sich die ritterlichen Gemeinschaften in Zukunft verhalten werden – mit Gästen werden solche Dinge nicht erörtert. Wie es aber heißt, finden ihre Worte großen Anklang beim einfachen Volk.

Ich bitte um Verzeihung, daß es mir nicht gelungen ist, Schriften in die Hand zu bekommen, die Auskunft über Sinn und Hintersinn dieser Gläubigen geben.
    Wenn es Euch nach solchen Auskünften verlangt und Eure Schatulle es erlaubt, stehe ich für eine weitere Forschungsreise gern zur Verfügung.

Mit hoch achtungsvollem Gruß

Lambert aus Tirfurt
Garne, Tuche, Kurzwaren, Wäsche
Tidford - Rotturm - Dhanndhcaer
 
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Geistliche Ritterorden in Clanthon

Zur Schwierigkeit, Kenntnis zu erlangen
Allgemein ist die Kenntnis darüber, daß sich Clanthern im Ritterstand zu Gemeinschaften mit besonderer Zielsetzung zusammenfinden, nicht weit verbreitet. Das liegt einerseits daran, daß Clanthern ein vom Volk verschiedenes Leben führen, andererseits gibt es nicht viele solcher Gemeinschaften.
    So wirkt der tsalkische Orden (von Ordnung; Gemeinschaft, die nach einer selbstgegebenen Regel lebt) der Rose von Vallon weitgehend im Stillen – erklärlich auch durch das besondere Schicksal dieses Volkes.
    Mein Auftrag war, alles Wissenswerte über Gemeinschaften zu sammeln, die in Clanthon und den clanthonischsprechenden Gemeinden wirken und nach Regeln leben, die den Glauben an den Weltenschöpfer verbreiten sollen.
    Im Zuge meiner Nachforschungen stieß ich immer wieder auf Hinweise, die es ratsam erscheinen ließen, auch solche Ritterorden in die Betrachtung einzubeziehen, die in der Vergangenheit Clanthons aufgetreten waren. Nicht nur ist zu vermuten, daß diese Orden im Wirken der heutigen Gemeinschaften fortleben, sondern auch, daß der Untergang der alten Orden für die geringe Zahl der Nachfolger verantwortlich ist. Dieser Teil der Erkundigung wurde jedoch behindert durch die Tatsache, daß die Sieger der Kriege vor der Finsternis großen Erfolg damit hatten, alles Gothorische aus der Geschichte zu tilgen.
    Es darf gemutmaßt werden, daß es Nachfolger der alten Orden gibt, von denen nur Eingeweihte wissen. So ich im Volk auf solche Hinweise stieß, erbrachte die Nachfrage nur die angstvolle Warnung, meine Neugier zu zügeln, andernfalls ich mit Unbill oder gar Tod zu rechnen hätte.

Mein Aufsatz beginnt also mit Ausführungen zu einer Gemeinschaft, deren Wirken im agenirischen Hochgebirge nachzuweisen ist. Es folgt die Beschreibung eines geistlichen Ritterordens, der Clanthons Geschichte vor der Finsternis mitprägte. Schließen will ich mit einer kurzen Aufzählung von Tatsachen, die mir über eine weitere Gemeinschaft zu Ohren gekommen sind, deren Wirken oder auch nur Sein ich jedoch nicht beweisen kann.
 
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Verkündung der Einheit

Überall dort, wo noch Clanthonier in der Sichel und den Bergländern ringsum leben, ist der Orden bekannt, der sich "Verkündung der Einheit" nennt. Die Ordensleute besuchen in regelmäßigen Abständen die clanthonischen Gemeinden und laden zu Versammlungen ein, wo sie verkünden, was sie den reinen Glauben nennen.
    Sie reisen allein oder zu zweit. Sie gehen zu Fuß, wenn sie in Gegenden unterwegs sind, die dichter mit Clanthoniern besiedelt sind. Sie reiten, wenn sie weite Räume überbrücken müssen. Und sie sind immer mit einem Schwert bewaffnet: die Druiden sind gegen sie, was ihr Ansehen im Volk erhöht.
    Die Verkünder führen ein sonderbares Zeichen im Schild; ein Blick in die Wappenrollen des Landes Calan ergibt folgendes: "Verkündung der Einheit, Ort Katzberg, Haus Katzburg. Schwarz; drei kugelköpfige Stangen in Gold, gekreuzt im Herzen. Verbundenheit allen Seins in Einheit vor dem Nicht-Sein."
    Stets ist ihr Gewand Ausweis ihres Tuns: ein übergroßes, bodenlanges Ding mit riesigen Ärmeln und einer finsteren Kapuze – sie nennen es Kutte – aus schlecht gesponnener, ungefärbter Wolle, ein lieblos gewebtes Tuch, irgendwie immer grau. Es schütze gegen Wind und Regen, sagen die Verkünder. Das muß es auch, denn es ist das einzige, das sie tragen; darunter sind sie nackt, auch wenn sie reiten. Und weil das Gewebe immerzu auf der Haut scheuert, ist diese ständig erhitzt. Kratzen aber soll das Gewand nicht, sagen sie, wenn es denn nur genug Talg und anderes Fett aufnimmt.

Ritter beim Gebet

Der Ursprung der Verkünder läßt sich nicht bis in die letzte Einzelheit bestimmen, aber ich habe in den Bergländern, von meinen erainnischen Quellen, und aus Schriften des Ordens, die ich einsehen durfte, einiges erfahren, das es erlaubt, sich ein Bild zu machen.
    Demnach beginnt die Geschichte der Verkündung der Einheit vor der Finsternis. Nach der Besetzung Clanthons und Moinés im Jahre 1021 nach Kreos treten in beiden Reichen moinische Ritter auf, die offen Aufruhr stiften und dazu aufrufen, huascische Truppen anzugreifen und Möllbarth zu töten. Diese Clanthern, denn um solche handelt es sich, werden gnadenlos verfolgt, auch von ihresgleichen. Mit dem Einmarsch der Wali (1032) verschwinden die Aufrührer.
    Die Schreckensherrschaft der Longoten läßt nur die entlegensten Gebirgsregionen unberührt. Im Jahre 1040 (oder 1042) verschanzt sich ein Clanther aus Moiné mit einem Häuflein Getreuer in einem Hochtal in Lambar. Der genaue Ort wurde mir nicht genannt, so daß ich davon ausgehe, daß die Verkünder auch heute noch eine Verbindung zu diesem Ort haben. Der Name des Ritters: Diniz von Etolia.
    Bis 1045 befinden sich Diniz und die Seinen ständig auf der Flucht; sie reiten landauf und landab, beschwören das Volk, neuen Mut zu fassen, am Land festzuhalten (hier fand ich zum ersten Mal die Formel vom "heiligen" Land) und gegen die Fremdherrschaft aufzustehen. Sie erinnern an die glorreiche Vergangenheit Clanthons, als das Zauberreich geschlagen wurde, und predigen den Glauben an den Weltenschöpfer. "Wehret der Finsternis!" ist einer ihrer Schlachtrufe dieser Zeit.
    Ritter Diniz hatte nur wenig Erfolg: es kam zu keinem Aufstand und das Volk floh, zu Schiff, oder durch das mythanische Tor der Schwerter. Die Gebirge im Herzen Agenirons versprachen ein wenig mehr Sicherheit und wurden die Zuflucht vieler, die nicht hatten fliehen wollen oder können. Dann senkte sich die Finsternis über das Land.

Diniz von Etolia taucht in der Geschichte des Ordens nicht als Aufrührer auf, sondern als Hüter und Verfasser einer Reihe von Schriften, die sich mit Glaubensdingen beschäftigen. Ich durfte mir einige davon ansehen, ausnahmslos Abschriften, die nur wenige Jahrzehnte alt sind – niemals bekam ich etwas zu Gesicht, das Diniz selbst geschrieben haben könnte.
    Ein Gründungsjahr des Ordens konnte ich nirgends entdecken. Aus dem dritten Jahrhundert der Finsternis finden sich die ersten Belege dafür, daß Männer und Frauen in grauen Kutten durch die Berge reisen und die Einheit predigen: Einglaube statt Vielglaube, Einheit statt Vielheit. Sie nennen sich bereits Verkünder der Einheit und benutzen einprägsame Zeilen aus Diniz’ Werk.
    In der Zeit vor 1800 verfügt der Orden zeitweise über ein Haus in Indairne. Der erainnische Glaube kennt keine Gruppe, die mit den Druiden und ihrem Machtanspruch zu vergleichen wäre, darum ließ es sich dort ein wenig freier atmen – selbst der zum Kampf fähige Gläubige braucht manchmal eine Ruhepause. Das ganze Leben der ritterlichen Gemeinschaft zwischen Schwert und Verkündung konnte dort jedoch nicht stattfinden. Eine echte Zuflucht mußte gefunden werden.
    Einen festen Sitz des Ordens kann ich erstmals um das Jahr 1800 ausmachen: die nicht datierte Urkunde, die sich nur anhand von Namen einordnen läßt, verkündet, daß die Clantherin Irmina von Rehwald, die ohne Nachkommen geblieben war, den Verkündern ihr Erbe überläßt: einige Gehöfte in einem versteckten Tal am norlichen Rand des Gebirges – nicht besonders ertragreich.
    Die Verkünder haben wenig Freude an dem Geschenk: kaum eine Generation später werden sie von Thuatha-Kriegern – vielleicht im Auftrag eines Druiden – vertrieben. In der Folge ist der Orden auf wechselnden Clanthernsitzen zu Gast, vornehmlich entlang der Straße über den Riesenpaß, denn dort ist es sicher: Clanthernsippen halten am Boden fest und teilen sich mit thuathischen, erainnischen und albyonischen Siedlern das Land, calanische Truppen gehen auf die Jagd nach finsteren Wesen, und die geistliche Herrschaft der Druiden ist hier, wo sich die Völker mischen, wenig gegenwärtig.

Etwa im Jahre 1960 nimmt der Orden – wiederum dank einer Schenkung – seinen Sitz auf Burg S-chengl (sprich: Sch-tchenelj – bemüht euch nicht, Hoheit, unsere Zunge legt sich nicht in solche Falten; die Bergler sprechen es "Tschengl") oberhalb des Frühlingspfades. Dort sitzen heute noch Ordensleute, auch wenn der Hauptsitz inzwischen verlegt wurde. Unweit davon, in Schlans, fand ich die Niederschrift eines Abkommens, indem das Nebeneinander der Edlen der drei Völker und des Ordens geregelt wird. Bemerkenswert ist, daß denen auf S-chengl ausdrücklich untersagt wird, auf dem ganzen Gebiet der zur Burg gehörenden Gemeinde Waffen bereitzuhalten oder zu benutzen, die weiter als einen Speerwurf reichen – das Verbot meint nicht nur auf Kriegsmaschinen, sondern auch Armbrust und Bogen, der nicht einmal als Jagdwaffe erlaubt ist. Die Unterzeichner berufen sich dabei auf frühere Absprachen, die ich jedoch nirgends aufgeschrieben fand.
    In der Tat benutzen die Ordensritter heute ausschließlich Hieb- und Stichwaffen. Das kann einmal anders gewesen sein, sonst wäre es nicht so ausdrücklich verboten worden. Zudem ist die Angst erkennbar, der Orden könne Handelswege gefährden oder die Machtverhältnisse in den Bergen stören. Das scheint in der Vergangenheit geschehen zu sein, aber ich fand nichts darüber.
    Zur Jahrtausendwende wurde S-chengl zu eng: der Orden erlebte einen ungeheuren Zulauf; die Lage am wichtigsten Handelsweg der Berge erwies sich als Glücksgriff: ihre Glaubensbotschaft reichte immer weiter – zudem spülte der Verkehr Spenden der Gläubigen in ihre Kassen. Dorf und Burg S-chengl sollten vergrößert werden.

Zu dieser Zeit bat der Herr von Katz ob Schnals die Verkünder um Hilfe. Bauern hatten ihn in seiner Burg angegriffen, das Haus geplündert, ihn fortgejagt und nun selbst Wohnung in dem Gemäuer genommen. Ereignisse in der Vergangenheit sollen der Grund dafür gewesen sein, daß der Herr von Katz weder die calanische Herrschaft noch die thuathische Obrigkeit um Hilfe angehen konnte – diese Ereignisse hatten seine Vorfahren überhaupt erst getrieben, ihren Sitz auf diesem Krähennest zu nehmen. (Ihr müßtet es sehen, Hoheit: wirklich unglaublich, wie hoch und steil die Gemeinde liegt.) Ich vermute, die Katzer (so wurden sie genannt) waren die Nachfahren einer zu Wohlstand gekommenen Räubersippe – wenn auch clantherischer Herkunft.
    Eine sonderbare Posse: Die Verkünder sagen dem Katz ihre Hilfe zu. Sie ziehen mit einem Dutzend Berittener los, dazu eine Handvoll Reisige des Herrn von Katz, denen sie das Notdürftige an Waffen überlassen. Der Weg nach Katzberg ist beschwerlich: den Frühlingspfad herunter ist es leicht, die Schnalsklamm hinauf jedoch ein einziges Grauen, und der gewundene Weg rauf nach Katzberg eine Mühsal sondergleichen – an tausend Schritt ist der Absturz über dem Schnalsbach hoch, auf dem inmitten grüner Matten die Weiler von Katzberg liegen. Die Burg selbst steht nah am Abgrund; sie zu erbauen war tränenreich – die Katzer sollen sie eingetauscht haben.
    Nun will der Herr von Katz beraten, wie das Häuflein die Burg berennen kann, um die Bauern zu vertreiben. Doch die Verkünder hören ihm nicht zu. Ihre Anführerin betritt die Burg und bleibt einen halben Tag. Als sie zurückkehrt, hat sie einen Kaufvertrag bei sich, den der Katzer unterzeichnen soll: er verkaufe die Burg für einen Taler an die Verkündung der Einheit. Da soll er seinen Reisigen befohlen haben, die Verkünder zu töten – alle seine Männer starben, die Verkünder blieben unverletzt. Der Herr von Katz unterschrieb den Vertrag.
    Wenige Tage danach packt der Orden in S-chengl seine Siebensachen und zieht nach Katzberg, wo er heute noch seinen Hauptsitz hat. Der Herr von Katz aber zog bis ins hohe Alter als Bettler über die Dörfer und klagte sein Leid.

Die Einnahme von Katzberg muß die Gemüter der Clanthern hierzulande sehr erregt haben. Einige Male versuchten sie, die Verkünder zu einem Abkommen zu bewegen, wie ich es für S-chengl belegt fand. Doch nun verweigerte sich der Orden jedem Versuch, sein Tun und Lassen im Zaum zu halten.
    Es wurde bekannt, daß auch einfaches Volk die Kutte nahm. Man lehrte sie lesen und schreiben, kämpfen und predigen. Bauern zu Pferd, das Schwert in der Hand, die Mächtigen belehrend: das ging nicht nur den Clanthern zu weit, das erregte auch die Aufmerksamkeit der laighinnschen Edlen.
    Die Predigten wurden schärfer im Ton. Der Vielglaube der Bauern jeglicher Herkunft und Zunge wurde angeprangert, Hausgötzen zerschlagen, Festlichkeiten vielgläubigen Ursprungs verdammt. Als die Verkünder dazu übergingen, Jagd auf Druiden zu machen, wurden sie manches Mal von clanthonischen Bauern unterstützt – hier mußte ein Riegel vorgeschoben werden.
    Im Jahre 2013 sandte Ruthard von Calan dem Orden den Befehl, all dieses zu unterlassen. Ferner sei Schaden zu ersetzen, die Bauern seien von der Waffe fernzuhalten und die Lebensweisen der Gebirgsbewohner anderer als clanthonischer Herkunft unbedingt zu achten. Für die Zukunft werde sich der Orden der Aufsicht der Edlen unterstellen und überdies endlich regelgerecht Steuern zahlen. Würde all dies verweigert, bliebe nur das Schwert als Mittel der Verständigung.
    Die Antwort der Verkünder war liebevoll im Ton, doch hart in der Sache. Die Belagerung der Katzburg zog sich über mehr als vier Jahre hin. Erst 2018 wurde – niemand hatte gesiegt – der sogenannte Katzer Friede geschlossen. Ruthard war zugetragen worden, daß die Bauernschaft (die in Calan dem Brauch gemäß Stimmrecht hat) die Belagerung nicht mehr billige. Um Auseinandersetzungen zu vermeiden, entschloß er sich zum Friedensvertrag. Der legt fest:

  • Die Verkündung der Einheit erhält Katz zu Lehen. Katz empfängt und achtet Weisungen der Lehnsherren in Calan und Tir Thuatha. Es wird Heerfolge geleistet.
  • Die Katzburg bleibt Eigentum des Ordens, der Kaufvertrag ist gültig.
  • Die Verkündung der Einheit zahlt die üblichen Abgaben.
  • Waffen, die weiter als einen Speerwurf reichen, sind dem Orden verboten.
  • Es gilt die calanische Heeresregel:
    Bauern sind keine Ritter.
    Sie reiten nicht, sie tragen kein Wappen und keine Helmzier, sie führen kein Banner.
    Schwert und Lanze sind ihnen verboten.
    Sie rüsten sich nicht mit Kette oder Plate.
    Die Haube, die den Kopf schützt, läßt immer das Antlitz erkennen.
  • Der Glaube dient dem göttlichen Wohlgefallen.

Dieser Friedensvertrag sicherte dem Orden das Überleben und band ihn in den Herrschaftsverband ein. Bemerkenswert ist der Hinweis auf die Heeresregel, denn er dient zur Beruhigung sowohl der Clanthern als auch der thuathischen Edlen. Der Absatz verbietet nicht, daß gemeine Ordensleute in ritterlichen Dingen ausgebildet werden – und so lernen alle Verkünder diese Fertigkeiten.
    Der Vertrag hat dazu geführt, daß der Stand eines Ordensmitglieds daran zu erkennen ist, wieviele Schneiden die Klinge seiner Waffe hat: die zweischneidige Waffe gilt als Schwert und ist den Clanthern vorbehalten, die einschneidige gilt als Messer und wird, obgleich in Länge und Wucht einem Schwert gleich, auch von Bauern geführt. Wappen werden beim Eintritt in den Orden ohnehin abgelegt, Rüstung tragen die Verkünder für gewöhnlich nicht.
    Der letzte Absatz des Vertrages kam erst nach zähem Ringen mit den Thuatha zustande. Alle Einigkeit zerbrach an der Tatsache, daß die Druiden den clanthonischen Einglauben ablehnen. Im Alltag ertragen die Clanthonier der Berge die Belehrungen der Druiden, doch da der Weltenschöpfer keine besondere Form der Anbetung verlangt, können sie ihrem Glauben ohne Schwierigkeiten treu bleiben – ein Glaube, der örtliche Gottheiten manchmal in freundlicher Art und Weise einschließt, sind sie doch ohnehin Teil des Einen.
    Ruthard von Calan hatte vorgehabt, einen Satz unterzeichnen zu lassen, der den drei Völkern und den Erainnern die Freiheit des Glaubens garantiert. Es müsse jedem Glauben gestattet sein, neue Anhänger zu werben. Die Druiden wollten von dieser Freiheit nichts wissen und die Verkünder lehnten fremde Prediger ab. So kam der blumige Satz zustande, der zwar der Wahrheit entspricht, jedoch an den Glaubenskämpfen nichts ändert: "Der Glaube dient dem göttlichen Wohlgefallen."

Bis heute ziehen die Verkünder – stets bewaffnet – übers Land, preisen ihren Glauben, unterrichten die Menschen in allem, das diese wissen wollen, schützen Bauern vor Strolchen und streiten mit Druiden. Und sie zahlen Steuern. (Tuch jedoch kaufen sie keines.)
    Ruthard von Calan hatte den Orden nicht beseitigen wollen. Vielmehr schätzte er die beruhigende Wirkung eines friedlichen Glaubens auf das Volk – zu Zeiten, wo die äußere Welt feindlich war, sollte nicht auch noch Zwietracht im Inneren hinzukommen. Sein Enkel Starkhand lehnt die Verkündung der Einheit rundweg ab – die Gründe sind mir nicht bekannt. Wäre da nicht der Rückhalt, den der Orden im Volk hat, so wären seine Tage nach Starkhands Wollen wohl gezählt.
 
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Die Schule der Verkündung

Es gibt mehrere Wege, Verkünder zu werden. Da ist der Ritter im Clanthernstand, der Macht und Vermögen künftig zur Verbreitung des Glaubens nutzen will. Alle Habe geht an den Orden und mit einem Eid begibt sich der Neuling in die geistliche Schulung, die ihn mit einem zweiten Gelübde in das Leben der Verkündung entläßt. So geht es allen, die frei sind, den Weg zum Orden zu gehen.
    Dann sind da die Kinder: solche, die dem Orden in die Schule gegeben werden, weil sie etwas lernen sollen oder weil der heimatliche Berghof ein weiteres Maul nicht füttern kann, aber auch solche, die den Verkündern auf die Schwelle gelegt werden. Sind sie alt genug, werden sie gefragt, ob sie das erste Gelübde ablegen wollen. Ist dem so, treten sie als Neulinge in die geistliche Schulung ein, wollen sie das nicht, müssen sie den Heimweg antreten – den Heimatlosen bleibt ein Obdach in den Weilern von Katzberg oder auf anderen Höfen des Ordens, wo sie als Bauern und Handwerker in Diensten der Verkündung ihren Lebensunterhalt verdienen.
    Ganz selten passiert es wohl auch, daß Fremde an die Tür der Katzburg klopfen, die von einem Ort kommen, den niemand mit Namen nennt. Sie tragen bereits die Kutte und werden gleich mit dem zweiten Gelübde aufgenommen. Dank meines scharfen Gehörs vernahm ich einmal, wie jemand sagte: "Die hat die Eine Schar geschickt."
    Bemerkenswert finde ich, daß der Orden Menschenkinder jeder Herkunft aufnimmt, neben Clanthoniern vor allem Thuatha und Albyoni, so sie den Pfad ihres Glaubens verlassen, was wohl nur im Kindesalter möglich ist. Es soll einzelne Erainner in ihren Reihen geben, vermutlich Mischblütige, aber ich konnte keinen von ihnen kennenlernen. Ordenssprache ist jedoch das Clanthonische, Schriftsprachen sind Clanthonisch, Suebisch, Moinisch, Illyäisch, Wolsisch und Mythanisch; durch die Lehre aller agenirischen Sprachen ist gewährleistet, daß Kinder fremder Zungen gut unterrichtet werden können.

Die Schule der Verkündung lehrt in drei Schritten. Kinder vom sechsten Lebensjahr lernen zu lesen, zu schreiben und zu rechnen, sie lernen über den Glauben, sowie über die toten und lebendigen Sprachen Agenirons. Die Nachmittage sind den verschiedenen Arbeiten gewidmet und wie man sie verrichtet. Die Zöglinge lernen die Natur kennen, erfahren, wie Feldfrüchte und Tiere gedeihen, und werden von Meistern in zahlreichen Gewerken unterwiesen, denn auf Katz muß jedes Ding selbst hergestellt werden – zu sehr liegt es abseits der Wege. Ist das fünfzehnte Lebensjahr vollendet und das Kind mündig, ist dieser Teil der Schule beendet.

Hat ein Neuling das erste Gelübde abgelegt, tritt er in die strenge Welt der Verkündung ein: nach dem Stand der Gestirne und dem Lauf merkwürdiger Wasserspiele teilen die Verkünder den Sonnenlauf in zwölf Glocken des Tages und zwölf Glocken der Nacht – jedes Zwölftel wird mit Geläut angezeigt und jeder Teil des Tages hält andere Pflichten für die Neulinge bereit.
    Wichtig bleibt die Schule des Schreibens, das Lesen alter Schriften und das Einprägen alter Geschichten und Lieder, neu ist die Tiefe in Glaubensdingen: dort begegnet den Neulingen ein Gebäude aus Gedanken und Weisheiten, die weit über das hinausgehen, was der Reisende hört, wenn er im Volk nach dem Weltenschöpfer fragt.
    Der Glaube ist in allen Dingen; die Neulinge lernen die Geschichte der Welt, hören von Recht und Gesetz, sie rätseln über die Natur der Dinge und suchen in jedem Bißchen dieser Welt den Schöpfer.
    Sind Augen und Geist müde, wird gebetet, gearbeitet und der Körper ertüchtigt: in wohlgeordneten Reihen bevölkern die Neulinge dann die Höfe (die Verkünder tun gleiches noch vor dem Morgengrauen!) und vollziehen alle die gleichen Bewegungen, mal wie ein Tanz, dann kämpfend, erst jeder für sich, dann zu Paaren, schweigend oder brüllend, wie die meisterliche Stimme es befiehlt. Die besonders Fähigen unter den Neulingen werden zusätzlich im Gebrauch der Waffen unterrichtet.

(Ich habe in Calan Ringkämpfe gesehen, bei dem sich die Gegner an den Hosen packen und werfen, und in Tidford nahm ich Unterricht in einer albyonischen Faustkampfschule, doch so etwas habe ich noch nicht gesehen, Hoheit.)

Leistet sich der Neuling keine Verfehlungen gegen die strenge Ordnung und hat er sich erkennbar Mühe gegeben mit seiner Gelehrigkeit, darf er das zweite Gelübde ablegen und einen neuen Namen wählen, denn der alte – und damit Herkunft und Stand – verliert seine Bedeutung. Es gibt keine Prüfung, auch wird das Gelübde niemandem verweigert, aber die Dauer der Schulung wird von einem Rat unter Vorsitz des Hochmeisters bestimmt.

Ist das zweite Gelübde abgelegt und die grundlegende Ausbildung abgeschlossen – das kann sein, bevor ein Neuling zwanzig Lenze zählt –, beginnt der dritte Abschnitt des Lernens, bestimmt vom geistlichen Streit: mehrere Verkünder treffen sich in einer Runde, die unter sich oder vor Zuhörern Standpunkte und Sichtweisen ausficht. Das geht unter lautem Geschrei vonstatten, aber mit der Maßgabe, zu gemeinsamer Einsicht zu gelangen. Erkenntnis wird auch in der Abgeschiedenheit gesucht und die Fähigkeit, ganze Tage in innerer Einkehr zu verharren, wird geschult.
    Lebensnah wird die Lehre, wenn es darum geht, jenen Verkündern, die zum Volk sprechen sollen, das nötige Rüstzeug an die Hand zu geben: Wie rede ich vor dem Volk? Wie gehe ich mit Einwänden um? Wie verhalte ich mich in einer Auseinandersetzung? Wer einmal gesehen hat, wie sehr ein Verkünder Herr seines Auftritts ist, erahnt die Gründlichkeit dieser Ausbildung.
    Stets ist die Pflege ritterlicher Tugenden Teil des täglichen Lebens: höflicher Umgang wird geübt, Musik und Dichtung werden gepflegt; vor allem aber üben die Verkünder den Kampf zu Fuß und zu Pferd, mit allen Waffen, die ihnen gestattet sind. Dabei halten sie sich an den Katzer Frieden dergestalt, daß Ordensleute, die keine Clanthern sind, in der Außenwelt nicht ritterlich auftreten – sehr wohl aber wird ihnen alles gelehrt, was auch ein Ritter lernen muß. Die Schwertleite läßt der Hochmeister nur den Clanthern unter den Verkündern angedeihen sowie den Edlen anderer Völker, so sie das wünschen – in den Augen des Ordens wären diese ohnehin nicht an den Katzer Frieden gebunden.
 
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Die Ordnung der Verkünder

Die genaue Anzahl der Ordensleute konnte ich nicht in Erfahrung bringen, doch nach allem, was ich gehört habe, beträgt die Zahl derer, die das zweite Gelübde abgelegt haben, nicht mehr als sechshundert, ein Drittel davon in Katz, die restlichen verteilt auf Güter und Pfründe im ganzen Gebirge. Von allen Verkündern sind vielleicht drei oder vier Dutzend im Clanthernstande.

Dem gesamten Orden steht der Hochmeister vor. Zur Zeit ist dies Vater Grimald, ein Clanther aus Lambar, an sechzig Jahre alt, dessen Geburtsnamen ich nicht erfahren konnte. Er leitet den Ordensrat, in dem alle Amtsträger des zweiten Gelübdes Sitz und Stimme haben, und hat die letzte Entscheidungsgewalt. Dem Hochmeister wird zu Beginn seiner Amtszeit das Lehen Katz übertragen. Dies unternimmt der Herr von Himmelswehr im Auftrag des Stammkönigs. Dreimal wurde das Lehen bisher so vergeben. Somit ist er auch Gerichtsherr über Katz – die Gerichtsbarkeit über Güter fern davon haben die jeweiligen Vorstände in Vertretung inne, sofern nicht ein weltlicher Herr ihnen dieses Recht streitig macht.
    Jeder Bereich des Lebens hat einen Vorstand mit umfassender Befehlsgewalt. Es gibt den Schwertmeister, dem die Ausbildung an den Waffen untersteht, der aber auch im Kampf den Befehl gibt, den Zeugwart, der für Ausrüstung, aber auch für Handel zuständig ist, dann den Küchenmeister, dem Küche und Vorrat anvertraut sind, aber auch Brauerei und andere Gewerke, die Nahrungsmittel verarbeiten. Es gibt den Landmeister, der die Aufsicht über die Höfe, Pflanzungen und Forste des Ordens führt, und den Werkmeister, der Ausbildung und Ausübung der Gewerke sowie alle Bauten beaufsichtigt. Der Kämmerer verwaltet das Vermögen des Ordens und allen Schriftverkehr, während dem Seelenhirten die Verantwortung darüber obliegt, welcher Verkünder wann und wo zum Volk spricht. Einer der wichtigsten Amtsträger ist der Lehrwart, dem alle Lehrer unterstehen, sowohl diejenigen für die Kinder als auch jene Gelehrten, die sich mit den höheren Weistümern beschäftigen.
    All diese werden "Mutter" oder "Vater" genannt. Gleichrangige untereinander nennen sich "Bruder" oder "Schwester". So sie um diese Regel wissen, halten sich auch die Menschen in den Tälern daran.

Jeder Verkünder hat eine Aufgabe, die ihn einem Mitglied des Ordensrates unterstellt. Davon unabhängig ist jeder Verkünder Teil eines Bundes, den sie "Fahne" nennen. Der ritterlichen Ausbildung entsprechend – und das gilt sowohl für Clanthern als auch für einfaches Volk – sind die Fahnen dem Gedanken nach Heeresteile. Die Fahnen, von denen ich weiß, heißen:

  • Lichte Klinge
  • Reine Erkenntnis
  • Schöpfers Schnitter
  • Heilige Hippen
  • Menschenhand
  • Espiritua Clanthon
Vor allem der Name der letzten Fahne (ihn spricht man: esch-pirita) wirft Fragen auf, denn diese Bezeichnung habe ich in viel älteren Quellen an ganz anderer Stelle wiedergefunden. Daselbst fand ich bestätigt, daß die Bezeichnungen der Ordensämter viel älter sind als der Orden selbst. Beides läßt vermuten, daß die Verkündung der Einheit Vorgänger hatte, Gemeinschaften, an die sich heute nur noch Sänger und Schriftgelehrte erinnern.
 
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Leben und Glauben

Hoheit, sie schlafen nur für ein Sechstel des Tages! Zwanzig ihrer Glocken lang arbeiten, beten und lernen sie. Ich habe auch erst dann Zutritt zur Katzburg erhalten, als ich eingestand, die Verkündung nicht nur als Händler, sondern auch als Gesandter kennenlernen zu wollen, indem ich vorgab, die Clanthern Samburs wünschten mehr zu wissen über die Hüter des Glaubens, die fern von ihnen leben.
    So verbrachte ich fast zwei Monde unter ihnen, harte Monde, denn sie leben karg und anspruchslos. Feuer gibt es in der Küche, der Schmiede und winters dort, wo sitzend gearbeitet wird. Daß das hart ist, wißt ihr, wenn ihr bedenkt, daß auf Katz für sechs bis sieben Monde im Jahr der Winter herrscht. In der übrigen Zeit gibt es selten Frost und nur manchmal Schnee. Ihr würdet dieses Leben nicht führen wollen, denke ich, und ich traf Anfang Lenz dort ein.

Zur achten Nachtglocke (das ist die zweite nach Mitternacht) erheben sie sich und beten gemeinsam. Es folgen Körperübungen bis zur neunten Glocke. Zur neunten nehmen sie einen warmen Trunk, anschließend beten sie bis zur zehnten Glocke. Nach der zehnten folgt (für Neulinge und Verkünder) das Frühstück und die Körperpflege. Die elfte Glocke ruft zur Pflicht des Morgens (das sind verschiedene Arbeiten), die zwölfte (das ist im späten Frühjahr auch der Sonnenaufgang) weckt alles Gesinde (nochmals Frühstück für jene) – dann erwacht das Leben.
    Die Glocken des Tages haben ganz verschiedene Wirkungen, jenachdem, welchem Unterricht oder welcher Arbeit ein jeder folgt. Erst die sechste Glocke des Tages ruft alle zusammen zum kurzen Gebet, gleich ob kindlicher Schüler oder gebrechlicher Verkünder – das Mittagslicht vereint sie alle zum Lobpreis des Schöpfers. Hernach folgt das gemeinsame Mahl, das bis zur siebten Glocke dauern darf, ob schlemmend oder ruhend. Nach der siebten herrscht Geschäftigkeit: Arbeiten werden verrichtet, Waffenübungen finden statt, geistlicher Streit findet Zuhörer. Die zwölfte Glocke des Tages (zur Zeit meines Besuches etwa Sonnenuntergang) beendet alles Tun; erst kurzes Dankesgebet, dann: das nächste gemeinsame Mahl findet statt, Bekanntgaben werden gemacht, alltägliche Aufgaben verteilt, Lob und Strafe kundgetan. Die erste Glocke der Nacht scheucht die Kinder in die Betten und die Neulinge an die Lesepulte; in vielen Räumen der Mütter und Väter der Verkündigung finden Beratungen statt. Die dritte Nachtglocke ermahnt die Neulinge zur Besinnung, die vierte schickt Neulinge und Verkünder zu Bett.

Eure Hoheit mögen mir glauben, ich führte dieses Leben an zwei Monde lang wie einer ihrer Neulinge, und es sagte mir zu, wenn ich auch nicht ihre Kleider tragen mußte. Ich, der ich ein Leben zwischen Gefahr und Gewinn führe, fand Gefallen an der sowohl strengen als auch bergenden Ordnung dieses Tageslaufes, stets beschirmt von der meisterlichen Fürsorge, stets herausgefordert von den geistlichen Fragen.
    Ich habe viel gesehen von Ageniron und ein wenig von der übrigen Welt, und ich wähne mich fest im Glauben an den Weltenschöpfer, in dem alles andere ist, aber diese zwei Monde ließen mich alles in Frage stellen. Die Zeit vor dem Morgen war geeignet, Gesichte zu beschwören; das alltägliche Gespräch über alle Dinge führte zu neuen Einsichten über mißachtete oder vergessene Einzelheiten des Lebens. Es gab viel zu zweifeln und viel zu glauben.

Der Glaube an den einen Weltenschöpfer hat im clanthonischen Volk einen festen Platz, auch wenn hier und da Bildnisse anbei gestellt werden, die vor Ort eine Bedeutung haben mögen: der Quelle, des Berges, des Flusses wegen. Niemals aber sah ich Finsternis.
    Die Verkünder stellen um des Weltenschöpfers willen alles in Frage. Alles ist ein Teil der Schöpfung, verdient Achtung und Mühe. Sie nennen des Schöpfers Welt die Dinge, die sind. Darin finden sie eine Dreiheit: das Gesicht der Dinge, ihr Wesen und ihren Wert. Um diese drei dreht sich aller Streit, denn ein Ding kann auch ein Gedanke sein. Also sagen sie nicht nur, daß dieser Stuhl in den Augen eines anderen Geistes anders aussieht, ein anderes Gesicht hat, sondern auch, daß dieser Stuhl für den anderen Geist ein anderes Wesen und einen anderen Wert hat. Erstaunliches Tun.
    Im Umkehrschluß erheben sie die Einheit aller menschlichen Wesen zum Ding, das anzustreben ist und nennen es Einheit in der Erkenntnis. Der Orden hat vor langer Zeit erkannt, daß nichtmenschlicher Geist in ebensolcher Weise zur Erkenntnis fähig ist. Daraufhin erließen die Oberen der Verkünder das Gesetz, daß Nichtmenschen jedweder Art vom Orden auszuschließen seien, denn sie sollen Erkenntnis der eigenen Art aus eigener Kraft finden, unbehelligt von menschlichen Gedanken. Letztendlich sei der Geist ein Geschenk an die Lebenden, und das Leben des Geistes im Tod ein Geschenk der Lebenden an den Schöpfer. Habe der Schöpfer dem Geist unterschiedliche Ausprägung gegeben, sei auch die Erkenntnis unterschiedlich anzustreben. So muß der Streit um die mischblütigen Erainner innerhalb des Ordens ein langer gewesen sein, vermute ich.
    In der Beurteilung der Welt liegen die Verkünder ständig im Streit. Da sie alle Weistümer ständig bedenken, lassen sie jeder neuen Erkenntnis in ihrem Streit Raum. Erzählungen von Händlern und anderen Reisenden lauschen sie ebenso wie den Ausführungen von Hexern, die der Einladung des Ordens folgten, ihre Sicht der Welt darzulegen. Immer aber bleibt der Weltenschöpfer der Mittelpunkt ihrer Erläuterungen; aller geistlichen Sicht nebenbei gestellt ist immer die größere Welt aus der Sicht des Schöpfers, die zu begreifen ihnen nie vergönnt sein wird.

Um stets wach im Denken zu sein, lehnen die Verkünder die Einnahme starker geistiger Getränke ab, das abendliche Bier und den gelegentlichen Wein ausgenommen. Ferner meiden sie verschiedene Kräuter, die im Volk sehr beliebt sind.
    Vor allem aber meiden sie den Verkehr zwischen den Geschlechtern: sie enthalten sich der Liebe, um auszuschließen, daß dieses Wollen die Gedanken vernebelt. Hat ein Verkünder außerhalb eine Liebschaft gehabt, wird eine Ermahnung ausgesprochen und die Freistellung angeboten. Im Falle einer Wiederholung wird der Betreffende aus dem Orden ausgeschlossen, mit der Möglichkeit, auf Ordensland nach Stand und Fähigkeit ein Auskommen zu finden. Gleiches geschieht, wenn Verkünder ein Paar werden. Wenn ich den Worten des Hochmeisters glauben darf, sind die Ausgeschlossenen in der Regel dankbar, in der Nähe des Ordens bleiben zu können, wenn sie auch von der geistlichen Entwicklung ausgeschlossen bleiben.

Die Verkünder reden den Menschen von verschiedenen Wegen der Lebensführung, sie nennen ihnen Werte, die zu achten dem Schöpfer dient und solche, denen anzuhängen dem Schöpfer spottet. Sie üben sich in Verzeihung menschlichem Streben gegenüber, wenn es auf Erfüllung der niederen Bedürfnisse ausgerichtet ist. Aber sie predigen auch, daß die Erfahrungen der Entbehrung dem Schöpfer im Tod des Menschen ein größeres Geschenk bringen als das genußvolle Leben. Das Festhalten an Regeln im Strom der Zeit bringe Segen, sagen sie, also predigen sie Treue und das Festhalten am Eid. Dann wieder fordern sie dazu auf, den Geist Neuem zu öffnen, denn das Festhalten an alten Dingen könne Unrecht bewirken. Bei alledem versuchen sie, ihre Rede volkstümlich zu halten, um verstanden zu werden. Und wenn das Volk der Zeichen bedürfe, dann solle es jene Dinge zeichnen und achten, deren Würdigung dem Schöpfer Ehre mache: Werden und Vergehen des Lebens, sein Erhalt, Achtung des Gedankens und seine wohlbedachte Äußerung, um ihn lebendig zu erhalten, sorgfältiger Umgang mit den weltlichen Dingen, um ihrer stets gewiß zu sein, und was der Reden mehr sind.
    Also feiern die Verkünder mit den Menschen Feste des Jahreslaufes und Tage, die an große Taten der Vergangenheit erinnern, im Mittelpunkt immer menschliches Tun, gleich ob Scheitern oder Ruhm.

Ihnen zu Hilfe kommt der Gedanke, daß Vorfahren auch Vorbilder sind, also erinnern sie an diese Menschen, die sie Heilige nennen, weil sie mit der Gabe des Heils bedacht gewesen sein könnten oder weil ihr Tun und Reden an heilvolle Menschen erinnert. Oft habe ich auf meinen Reisen die Bildstöcke am Wegesrand gesehen und gehört, wie die Bergler Namen in Gebete oder Flüche einschließen – stets dachte ich, es seien kleinere Geister gemeint, oder es würden Gottheiten mit Namen genannt, die mir der Aussprache wegen fremd vorkamen. Nein, die Verkündung der Einheit pflegt lange Listen, in denen sie die heilvollen Verstorbenen verzeichnen; die Streitereien darüber, wer als nächster würdig sei, verzeichnet zu werden, ziehen sich stets über Jahre hin, wurde mir gesagt, denn es müsse herausgefunden werden, wo das Heil des Toten gesteckt habe, in welcher Tat, in welchem Wort – ich habe mir diese Lebensläufe angesehen und war erstaunt: da werden eher zufällige Heldentaten berichtet, oder es wird von Großzügigkeit und Verzicht geredet, immer aber sind diese Fabeln kurz und werden mahnend vorgetragen.
    Nun werden auch nicht überall die gleichen Heiligen angerufen, nein, das unterscheidet sich von Tal zu Tal, von Dorf zu Dorf. Zum einen werden Uralte und Geringere schnell vergessen. Da gibt es aber auch Vorlieben, die sich danach richten, welchem Volk der Vorfahr entstammte, welcher Sippe er angehörte und wem er denn Gutes getan hat – die Verkünder haben manchmal ihre liebe Mühe, Streit zwischen Dörfern zu schlichten, die sich gegenseitig ihren Heiligen schlechtmachen. Es gelingt ihnen, solchen Streit zu beenden; sie nennen ihn unbedacht und dumm. Ich habe jedoch das Gefühl, daß der Hader unsterblich weiterlebt – riefen sie nicht verdienstvolle Vorfahren an, würden sie sich darum streiten, wer die schönste Kuh auf der Weide stehen hat!

Bei allem betonen die Verkünder, daß der nichtmenschliche Geist eigene Wege geht. Seit der Drachenschlacht von Helgard (512) sei offenkundig, daß jener mit dem menschlichen Streben im Sinne des Schöpfers zusammenwirken könne, doch die Wege blieben unterschiedlich. Hexerei zudem sei unmenschlich und daher als Mittel zur Lebensführung abzulehnen.
    Auch die Mythanen seien Teil der Schöpfung, sagt ihre Lehre, doch dieser Streit ist längst nicht beendet. Einigkeit herrscht darin, daß Hexerei die Ordnung der menschlichen Welt zerstöre und die Suche der Menschheit nach Erkenntnis behindere. Darum sei sie abzulehnen, auch wenn sie hilfreich sein könne.
    Eine andere Meinung der Verkünder sagt, daß menschliche Hexerei dem mythanischen Chaos Tür und Tor öffne – danach seien die Mythanen eine Prüfung des Schöpfers, die nur der vollkommene Mensch bestehen könne, jener, der würdig sei, den Schöpfer seinerseits zu beschenken. Erst in der Beschränkung durch die menschliche Form offenbare sich die wahre Göttlichkeit.
    Gleichermaßen beurteilt diese Abteilung die magiranische Götterwelt, wohl wissend, daß jeder winzige Splitter des Einen Göttlichen für den Menschen an sich die immerwährende Verdammnis bedeuten kann.

Im Alltag führen diese Lehren dazu, daß die Verkündung der Einheit jeden nichtmenschlichen Glauben achtet, wenn auch nicht ohne Geringschätzung. Der Vielglaube der Menschen jedoch wird bekämpft, mit Worten und mit Waffen, denn so ein Mensch vom Einglauben abfällt, sagen sie, wird dem Schöpfer Unrecht getan, ein Geschenk wird mißachtet und nur der Teil geplündert, der das Leben angenehm erscheinen läßt. Sich der Hexerei zu bedienen, sei Dummheit, sich ihr zu beugen, Schwäche. Der Tod ist keine Macht und keine Strafe, sagen sie, sondern ein Geschenk an den Schöpfer, wobei sie aber mahnen, das Leben nicht zu verschwenden, wenn es selbst oder sein Ende nicht von Sinn erfüllt seien.
    So erklärt sich der Kampf gegen die Druiden und die leichtfertige Hinnahme des Todes der Vielgläubigen, haben diese doch ihrer Erkenntnis den Weg versperrt, also ihr Leben im Dienst des Schöpfers bereits beendet, wie die Verkünder sagen.
    Das klingt, als ob der Orden nicht zu Großmut fähig sei. Aber: Ich selbst war Zeuge einer Segnung, als Verkünder in einem Dorf nahe Caswallon einen Hügel weihten, den die Dörfler hoch ehren, in dem die Thuatha ringsum jedoch eine Wohnstatt der Thuach na Moch sehen. So bedachten die Verkünder den Ort: "Möge der Geist in ihm auch klein an Gestalt und Gedanken sein – er bringe euch Erkenntnis, denn am Ende ist auch er ein Teil der Schöpfung."
    Ich konnte leider nicht bleiben, um zu sehen, wie das Hügelvolk den Segen vergalt.
 
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Wollen und Sehnen der Verkünder

Alle folgenden Schlüsse sind Vermutungen meinerseits, die sich auf Gelesenes und Gehörtes sowie auf die Beobachtung der Lage im Land gründen.
    Das Wollen der Verkündung ist nicht leicht zu beurteilen, denn ihre Ordnung ist von der im Land grundverschieden. Sie verweisen auf den Weltenschöpfer und sagen: "Alles ist in ihm", dagegen sei der einzelne Mensch ein Staubkorn, eines nicht vom anderen zu unterscheiden.
    Nachdem ich sein Gast war, kann ich sagen, daß der Orden Herkunft und Stand seiner Mitglieder nicht achtet. Das abgeschlossene Leben erklärt sich nicht nur aus der Notwendigkeit, Ruhe zu finden, sondern vor allem aus der Not, nicht von den Mächtigen vernichtet zu werden. Wenn der Orden Unterschiede zwischen Bauer und Clanther macht, dann um die Herrscher und Edlen zufriedenzustellen. Diese Scharade wirkt, obwohl bei näherem Hinsehen die Gleichmacherei der Verkünder offenbar wird.

Die Schriften des Ordens bewahren die Erinnerung an ritterliche Vorfahren, denen das Wort von der Verkündung der Einheit etwas anderes bedeutete als die Einheit allen Seins: Diniz von Etolia, den ich eingangs erwähnte, schrieb und kämpfte nicht nur für ein einiges Clanthon, sondern von Herzen für die Einheit aller agenirischen Völker, deren drei er zählte: Gothori, Thuatha, Illyäer.
    Der heutige Orden hat nie ein Reich Clanthon erlebt. So bin ich nicht verwundert, daß seine Ritter clantherischer Herkunft sich niemals in Herrschaftsdinge eingemischt haben, selbst wenn diese vor ihrem Eintritt Macht kennengelernt haben mochten. Vom Landbesitz nimmt der Orden Nießbrauch, doch er gestaltet alles Leben immer nur in dem Rahmen, den die Herrscher stecken.
    Nun gibt es wieder ein Clanthon und damit ein Volk, das den Glauben kennt, den die Verkünder predigen. Der aufmerksame Zuhörer stellt fest, daß die Redner des Ordens Gedanken in die Glaubenslehre einfließen lassen, die sich mit der Verwandschaft aller Menschen befassen. Einfache Ohren hören, daß es nicht recht sei, Fremde allein wegen nichtiger Merkmale zu hassen, also sei es auch nicht recht, leichtfertig Mauern zwischen sich und die Fremden zu ziehen. Setzt diesen Gedanken fort, Hoheit, und Ihr wißt, was sie predigen.
    Betrachtet es: sechs Hundertschaften abgehärteter Ritter, davon zwei Drittel im schlagkräftigen Alter, Reichtum an Wissen und Vermögen, viel Gefolgschaft, feste Zufluchten, viele Geheimnisse, immer den Frieden im Wort, immer das Schwert am Gürtel – ich kann mir nicht vorstellen, daß die verkünder die Gestaltung der Welt Geistern mit weniger Einsicht, als sie für sich vermuten, überlassen werden.
    Rechnet mit ihrem Einfluß, Hoheit! Das Volk liebt die Verkünder.
 
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Der Schwertbund von Portoglades

Woraus das Bild besteht
Wie ich schon ausführte, Hoheit, bin ich der Ansicht, daß die Verkündung der Einheit in vielerlei Hinsicht ein älteres Erbe angetreten hat. Anzeichen dafür gibt es vor allem in den Schriften des Ordens selbst. Die Gemeinschaft, die den Verkündern vorausging, ist dem Namen nach den Großeltern vieler Clanthern bekannt, die durch das Tor der Schwerter gingen und heute in Sambur leben. Diese Spuren lassen sich weiterverfolgen; Quellen wie die Sammlung der Herren von Calan blieben mir verschlossen, doch in Erainn finden sich zahlreiche Reste: Bauten, Inschriften und dergleichen, in Etolia sogar Geschriebenes, das die Zeit überdauert hat. Geht diesen Spuren nach, wenn Ihr mehr erfahren wollt.

Der Bund des Einglaubens

Im Jahre 545 nach Kreos legte Martell II., der Sohn des Reichsgründers Martell, den Grundstein für Tandor. Im Verein hatten gothorische und thuathische Stämme den mythanischen Einfluß aus dem Herzen Agenirons verdrängt, das Reich Clanthon war ausgerufen worden und knapp ein halbes Jahrhundert später hatte die Einheit des neuen Reiches den Vorzug vor der Vielfalt der Stämme gewonnen – die Befreiung Eisatnahps (dieser Name ist erst für spätere Jahrhunderte belegt; für die Zeit vor 500 n.Kr. finden sich Hinweise auf drei Teilreiche, die im Gothorischen Neustar (Ganter, Moiné), Estar (auch: Austar; Tandor, Sengor, Calan, Lambar, Eisatnahp) und Mirgund (Sambur; mögliche Bedeutung: Selmnoburg) genannt wurden) im Jahre 512 verschaffte dem jungen Königtum Luft, denn die Kampfeslust der gothorischen Stämme führte zu Reibereien mit dem Ehrgeiz der Bolghinn und Cladhinn, die für eine eigenständige Reichsgründung keinen Raum sahen (das 950 n. Kr. von Maithach zum Königreich erhobene Dwyllugnach bot vor allem den Danannain Platz).
    Die Erfolge von 512 trennten die Streithähne: Stämme, die sich in Clanthon benachteiligt fühlten, errichteten im 6. Jahrhundert auf gothorischem Siedlungsgrund Herrschaften im Est Estars (seit 951 als einiges Königreich Eisatnahp). Tandor war danach nicht nur ein Grundstein für eine neue Stadt, sondern Sinnbild für die Einheit der Menschen im Reich.

Diese Einheit sieht in dieser Zeit eine Gruppe von Clanthern gefährdet, die in besonderer Weise für Clanthon kämpfen will. Diese Edlen streben nach der Vermehrung des Wissens: nur wer viel wisse, könne die Mythanen wirklich besiegen, sagen sie, und: da auch die verhaßten Feinde Teil der Schöpfung seien, dürfe man ihnen wohl kaum jene Allmacht zubilligen, vor der alle Welt zitterte. Die Verehrung des Weltenschöpfers breitet sich aus, der Glaube an die Einheit aller Dinge in der Welt wie auch jenseits davon – kundige Geister vermuten schon damals, daß die Einheit des Reiches auch von der Einheit des Weltbildes abhängig sein könnte.
    Wenige Jahre nach Beginn der Bauarbeiten in Tandor gründet dort ein Ritter Hugo von Peine den Bund des Einglaubens, sein Wappen: ein silbernes Schwert auf schwarzem Grund. Die Mitgliedschaft wird nur Rittern im Clanthernstand gewährt. Die selbstgestellten Aufgaben bieten Arbeit für viele Menschenalter: Vernichtung der Mythanen, Erhalt des Reiches Clanthon, Befreiung des vielgläubgen Geistes und Hinwendung zum Einglauben.

Bis zum Ende des 6. Jahrhunderts entwickelt sich der Bund vom gelehrten Kreis zur schlagkräftigen Truppe, die dem Thron bei der Bewältigung einiger Schwierigkeiten behilflich ist. Die in flammenden Reden vorgetragene Kriegsbegeisterung des Bundes bewirkt, daß die Feldzüge gegen die mythanische Knechtschaft immer weiter fortgeführt werden – glanzvoller Höhepunkt: der Fall von Kreos im Jahre 595. Zudem kommt es immer wieder vor, daß die Stammesfürsten ihrer Pflicht zur Heerfolge nur unzureichend oder gar nicht nachkommen. Da greifen die Könige gern auf die Bundesheere zurück, die – unabhängig vom Machtstreben der Stammesfürsten – in kurzer Zeit zusammengetrommelt werden können.
    Schließlich bewirken die harschen Bekehrungsbemühungen der Ritter des Einglaubens im Volk einen ständigen Druck, der viele aus Clanthon in die umliegenden Länder verdrängt – vom Thron mit stillschweigendem Wohlwollen bemerkt, denn die Vielgläubigen, Thuatha vor allem, sind den Clanthoniern, wie sie immer öfter genannt werden, an Kopfzahl überlegen.
    Ein kleines Reich im Reich entsteht: Der Bund des Einglaubens besitzt nicht nur eigene Truppen, sondern auch eine selbständige Verwaltung. An vielen Orten in Clanthon werden Bundeshäuser errichtet, sie dienen neben allen weltlichen Dingen auch der Unterrichtung der jungen Ritterschaft im Glauben.

In der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts wird der Bund in innerclanthonische Kämpfe verstrickt. Die Fürsten versuchen, die Rechte des Bundes zu beschneiden. Die estlichen Stämme, allen voran die Waxen, Skanen und Hamden, wehren sich gegen das Streben der Krone, ihren Teil Estars dem Reich einzuverleiben – in den Machtkämpfen kommen auch Bundestruppen zum Einsatz. Der Ruf des Bundes leidet; Verfehlungen werden ihm nachgesagt: Hexerei zum Beispiel, oder die Anbetung finsterer Gottheiten, zudem strebe der Bund die Herrschaft über das Reich an. Die Folge sind Fehden, die den Bund des Einglaubens schwächen.
    Die weitsichtige Königin Agnes ist bemüht, den Bund, auf dessen Dienste sie nicht verzichten will, einerseits zu retten und andererseits mit etwas zu beschäftigen, das seine Kräfte bindet. Sie erteilt dem Bund den Auftrag, den Süd und Wes dessen, was einmal Moiné werden wird, zu besiedeln, um das Land in Frieden und Wohlstand nach Clanthon zu führen. Überliefert sind die Worte:
    "Nehmt von den Gaben des Landes für euch, wessen es bedarf, um die Kraft eurer Schwerter zu erhalten. Das Übrige aber gebt der Krone und dem Reich."
    Der Bund des Einglaubens folgt diesem Auftrag und verschwindet als wichtige Kraft aus Clanthons Geschichte.
 
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Portoglades

Die Küstenländer, die Agnes dem Bund als Ziel wies, waren nur spärlich besiedelt: Illyäer lebten dort, Reste der mythanischen Hilfsvölker aus aller Welt, im Landesinneren zahlreiche Sippen der Nemhedhinn und Laighinn, aber auch gothorische Stämme: Selmnonen vor allem, neben einigen Tormannen.
    Die Regierungszeit König Ulrichs schwächt die Macht der Krone enorm. Nun fassen die Ritter des Bundes den Auftrag der Königin Agnes als Schenkung auf. In der Sprache des Bundes, die sich in diesen Jahren bildet (eine Gothorimundart mit thuathischen, illyäischen und wolsischen Elementen), erhält das Land den Namen "Portoglades" (sprich: por-to-gladesch) – "Für eure Schwerter".

Der Ritterbund entwickelt das kleine Land vorbildlich. Daneben findet er Zeit, auch im übrigen Neustar zu wirken. Die Bekehrung wird auf sanftere Art versucht, was zwar den Erfolg der Glaubenskämpfer stark verringert, im Gegenzug jedoch einen wohltuenden Frieden bewirkt.
    Die Gründung des Reiches Moiné im Jahre 789 n.Kr. hat seltsame Auswirkungen auf den Schwertbund von Portoglades: in Clanthon werden die verbliebenen Besitzungen des Bundes beschlagnahmt, teils von Herzögen, teils von der Krone selber: der Bund habe Agnes’ Auftrag, das Land, das jetzt Moiné ist, zu "erobern", nicht erfüllt. Es wird sogar der Vorwurf laut, der Bund sei die treibende Kraft hinter der Gründung von Moiné gewesen; er habe somit die Macht Clanthons zugunsten der Thuatha geschmälert. Dieser Standpunkt wird von den neuen mythanischen Beratern unterstützt.
    In Moiné übergibt der Bund das ganze Portoglades förmlich der neuen Krone, die von Edlen der Nemhedhinn und Laighinn, der Belten und Tormannen, der Kauben und Selmnonen gestützt wird. Im Gegenzug wird der Bund zum Verwalter dieser Ländereien eingesetzt; ein Machtverlust ist nicht zu erkennen, nur die Lehenshoheit wechselt. Trotzdem taucht der Schwertbund als solcher nach 789 nicht mehr in den Chroniken auf; Portoglades als Landesname wird immer seltener benutzt.
 
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Das Ende des Schwertbundes

Im 10. Jahrhundert schwindet die Macht des von den Bolghinn nach Süd verdrängten Gothori-Clanthon, während seine Kräfte im Handel, in der Kunst, sowie in Wissenschaft und Magie (die Arbeit der mythanischen Berater zeigt Wirkung) zunehmen. Einen von den Fürsten unabhängigen starken Arm führt die Krone nicht mehr. So geschieht, daß 951 n.Kr. mit dem Hamden Sigur ein gothorischer Stammesfürst ein Königreich errichtet, ohne daß die Krone von Clanthon irgendeine Einflußmöglichkeit übrig behalten hätte.
    Im Jahr darauf – Illyion wird gegründet – erscheint ein Meister des Schwertbundes von Portoglades vor König Karl II. (nun doch wieder ein Gothori im Land der Bolghinn!) in Tandor und erklärt die Auflösung des Bundes: mit der Errichtung des illyäischen Thrones sei Ageniron endgültig befreit, die Mythanen befriedet (das angesichts eines mythanischen Beraters), der Bund habe nichts mehr zu erkämpfen. Die Schriften sagen, daß die Gesandschaft Moinés für dieses Schauspiel nur Spott übrig gehabt habe.

Fünfzig Jahre später, als Clanthon antritt, Moiné dem Reich einzuverleiben (was 1007 auch gelingt), spricht niemand mehr vom Schwertbund und seinen Ländern. Doch in den Wappen der unterliegenden moinischen Verteidiger ist das silberne Schwertkreuz oft zu finden.
 
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Was übrig blieb

Wappen Schwertbund

Bund des Einglaubens /
Schwertbund von Portoglades

Sitz: Tandor / Etolia (erloschen)
Schwarz; Silbernes Schwert im Herzen

Zuallererst natürlich das Schriftwerk des Ritters Diniz von Etolia, das vom Orden der Verkünder bewahrt wurde. In der Zeit nach dem Falkenkrieg bis zum Einbruch der Finsternis hinterläßt Diniz’ Wirken im Herzen Agenirons viele Spuren.
    Von Moiné und den dortigen Zeugnissen, die auf den Schwertbund zurückgehen, blieb nicht viel, Bruchstücke allenfalls. Was die Wirren der Kriege, der Besatzung und das Wüten finsterer Ungeheuer überstand, muß nun gegen die Laochra Nathrach bestehen, die unter Fionns Führung das Land vom Übel befreien. Moiné als Erinnerung an eigenständige Herrschaft lebt vor allem in den Herzen der Nemedhinn und Laighinn fort, die zeitweilig einen Teil des Landes zurückerobern um dann wieder verdrängt zu werden – dieser Streit ruht zur Zeit.
    Eine Verbindung mit der Vergangenheit des Bundes ist der Name "Espiritua Clanthon" (sprich: esch-pirita; bedeutet: clanthonischer Geist, Seele Clanthons) für eine Art Heeresteil der Verkündung der Einheit. Aus den Schriften des Ritters Diniz wird deutlich, daß in den letzten hundert Jahren vor dem Falkenkrieg eine Gruppe von Clanthern sich unter diesem Namen zusammenfand – in Moiné, aber auch in Clanthon –, um sowohl im Verborgenen als auch durch die Teilnahme an den zahlreichen Abwehrschlachten der Abkehr der Krone von den Werten des Mythanenschwures entgegenzutreten. Diese "cavalhaes espirites" (sprich: kawa-lasch espirites, bedeutet: geistliche Reiter, Ritter des Geistes) trugen das silberne Schwertkreuz auf ihrer Rüstung.
    Wie gesagt hat auch das Wappen des Bundes als Bestandteil neuerer Farben überlebt. Nach dem Fall Moinés wird es jedoch nicht mehr offen gezeigt. Ich fand jedoch Hinweise darauf, daß so manches Wappen in zwei Ausführungen vorliegt: mit und ohne Schwertkreuz – demnach ist das Schwertkreuz zum Zeichen derer geworden, die ein von den Mythanen geschwächtes Königtum ablehnen und die Einheit des Reiches und des Glaubens anstreben. Weil diese Gedanken heute noch Bestand haben, bin ich mir sicher, daß das Schwertkreuz auch heute noch gefunden werden könnte.
 
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Guarda: Die Eine Schar

Wie ich bereits darlegte, erhalten die Verkünder der Einheit Zulauf auch von einem unbekannten Ort. Da treffen neue Brüder und Schwestern ein, die recht bald das zweite Gelübde ablegen dürfen. "Die hat die Eine Schar geschickt" wird gemunkelt. In den calanischen Wappenrollen gibt es folgenden kargen Eintrag: "Guarda – Die Eine Schar, Silberner Kreis im Herzen auf Schwarz".
    Das Wort "Guarda" ist aufschlußreich: es entstammt einer Mundart, die wie jene der Ritter von Portoglades ein Gemisch aus Thuathisch, Gothorisch, Illyäisch und Wolsisch darstellt und sich entlang der Handelswege im Hochgebirge bildete. In abgelegenen Tälern wird sie heute noch gesprochen. "Guarda" bedeutet darin: "Schauen" oder "Schutz".

In den Schriften der Verkünder finden sich Sätze, die als Überschrift für lange Streitschriften und Abhandlungen dienen. Manche dieser Sätze sind mit der Anmerkung "G." versehen. Auf zähes Nachfragen ließ sich einer der Schreiber dazu herab, zu nicken, als ich fragte, ob das für "Guarda" stehe. Drei dieser Sätze möchte ich wiedergeben:
    "Die vielen Farben der Welt sind Teil des Einen Lichtes, der Vielglaube Teil des Einen Glaubens, die Vielen Teil des Einen." - das als Überschrift einer Auflistung von Gottheiten, wofür sie stehen, wie man ihre Priester erkennt und deren Angriffe überlebt.
    "Wir sind das zweifelnde Auge des Schöpfers, das sich selbst betrachtet. Furchtsam. Hilflos." - Überschrift eines Leitfadens für Neulinge, der sich mit der Frage befaßt, wie sehr der Weltenschöpfer sich um den einzelnen Menschen kümmert.
    "Im Licht ins Dunkel zum Licht." - ein Gebetssatz, den man für längere Zeit aufsagt, um innere Einkehr zu üben.


 
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