Zurueck zum Herzen Die Vorfahren
von Thile Molsberg - Allerlei Kunde - Dhanndhcaer
 
 
Geleit
Land
Volk
Adel
Wappen
Weistum
Dank

Seitdem in Sambur das neue Clanthon nach Ageniron zurückgekehrt ist, wird in Calan, und allgemein in den gebildeten Kreisen Tir Thuathas, wieder heftig darüber gestritten, welchen Gruppen im Land welche Vorfahren zuzuordnen sind und welche Rechte daraus abgeleitet werden können.
    Erschwerend in diesem Disput ist, daß in den herrschenden Kreisen Tir Thuathas dem gothorischen Element der Geschichte kaum Bedeutung zugemessen wird. Entsprechend beruft sich die Geschichtsschreibung des neuen Clanthon auf eine rein gothorische Ahnentafel; die Thuatha finden darin allenfalls als Bündnispartner der Kriege zu Zeiten der altvorderen Reichsgründung einen Platz.
    Aus der heutigen Sicht erscheinen die Thuatha als das alteingesessene Volk Agenirons; Gothori werden als verwilderter Überrest des alten Eisatnahp allenfalls in der Geschichte des frühen Albyon erwähnt.
    Erkennbar ist also zuerst einmal der Grundsatz, daß die Nachkommen zum Verständnis des Vergangenen Begriffe benötigen, die das kaum faßbare Geschehen in handliche Stücke zerteilen. Bei näherer Betrachtung sind viele dieser Trennungen, die oftmals nur der Rechtfertigung dienen, mehr als zweifelhaft. Was also wissen wir wirklich?

Thuatha" ist ein Wort für "Volk". Damit werden jene Menschen bezeichnet, die aus dem heutigen Waligoi nach Ageniron einwanderten, den hiesigen Teil des Zauberreiches besiegten und letztendlich Clanthon und Tir Thuatha hervorbrachten. Über die Eigenheiten und Gemeinsamkeiten dieser Menschen wissen wir sehr wenig.
    Dieses Volk, das in Ageniron heimisch wurde, entwickelte verschiedene Lebensformen und verschiedene Sprachen. Heute wird von einer vor allem sprachlich begründeten Trennung in Thuatha und Gothori ausgegangen, wobei die Gothori als hauptsächlich im damaligen Eisatnahp ansässig angesehen werden. Sie sollen letztlich in anderen Völkern aufgegangen sein.
    Die untereinander verwandten Stämme der Thuatha sind die Albghinn, Bolghinn, Cladhinn, Danannain, Laighinn und Nemhedhinn. Das neue Clanthon nennt als Ahnen die gothorischen Stämme der Belten, Clanthonen, Ermannen, Hamden, Kauben, Kimburen, Selmnonen, Skanen, Sueben, Tormannen, Waxen und Wendeln, die alle im Jahre 500 nach Kreos die Gründer des alten Clanthon gewesen sein sollen - für diese Tat der Geschichte (jedoch erst im Jahre 798) stehen in Tir Thuatha die Bolghinn und die von ihnen unterworfenen Cladhinn.
    Wer hat nun Recht? Waren es Thuatha oder Gothori, die Clanthon gründeten? Oder haben beide Anteil daran gehabt?

In den Überlieferungen von Eisatnahp werden Clanthonen, Selmnonen und Tormannen nicht erwähnt. Da vor allem die Clanthonen als treibende Kraft der Reichsgründung bezeichnet werden, können wir davon ausgehen, daß diese gothorischen Stämme - von denen im übrigen nicht bekannt ist, ob sie sich selbst überhaupt "Gothori" nannten - außerhalb Eisatnahps ihre Heimstatt hatten.
    Die Clanthonen - der Stammesname ist womöglich nachträglich eingesetzt worden und bezeichnet vielleicht einfach nur die Parteigänger einer Reichsidee (ungeachtet der sprachlichen Zugehörigkeit) - werden im Gebiet um das spätere Tandor gesehen, die Selmnonen könnten in Sambur (mögliche Deutung: Selmnoburg) gelebt haben, und die Tormannen werden von einigen Gelehrten dem späteren Moiné zugeordnet. Aufgeschlossene Geister sehen in den drei Stämmen Mischvölker, deren thuathische Entsprechungen namentlich die Bolghinn, die Laighinn und die Nemhedhinn wären.
    Als Gothori, die sich auch selbst so nannten, sind die übrigen neun Stämme überliefert, von denen sich das neue Clanthon herleitet. Von diesen werden nur die Hamden, Skanen und Waxen als bestimmend in Eisatnahp genannt - ihre Zuordnung ist zweifelsfrei. Die übrigen sechs Stämme könnten möglicherweise ins übrige Ageniron (ohne Dwyllugnach und Illyion) abgedrängt worden sein; urkundlich belegt ist die Gründung der Stadt Ahnarab (555) durch die Kimburen im Gebiet der altclanthonischen Provinz Lambar, heute Tir Laighainn.
    Die Siedlungsgebiete der Belten, Ermannen, Kauben und Wendeln können nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden; die Sueben werden von den gothorischsprachigen Menschen Calans dem Hochgebirge zugeordnet.

Außerhalb dieser bekannten oder rückgeschlossenen Tatsachen können wir nur Vermutungen anstellen. Daß zum Beispiel zwei Reiche sich unter verschiedenen Vorzeichen (siehe die verschiedenen Herrscherlisten und Gründungsdaten) auf die Nachfolge Clanthons berufen, kann bedeuten, daß beider Vorfahren Anteil daran gehabt haben, daß dieser Anteil jedoch immer umstritten war: Wir erahnen darin jahrhundertelange Kämpfe um die Vorherrschaft (man bedenke z.B. die Machtergreifung Möllbarths/Bruidhneas), die erst mit dem Falkenkrieg und der Niederlage und Flucht der gothorisch beherrschten Partei endeten.
    Auch das Ende Clanthons läßt Fragen offen: Abertausende des Volkes flohen im Jahre 1045 nach Kreos durch ein zauberisches Tor ins Ungewisse. Diese Reise endete im neuen Clanthon der Gegenwart. Die thuathische Geschichtsschreibung bemerkt, daß auch viele Bolghinn, Cladhinn und Laighinn diese Flucht antraten. Waren diese also keine rein thuathischsprachigen Völker? Oder müssen wir das Trennende dieser Zeit in ganz anderen Dingen suchen, vielleicht in der Anerkennung verschiedener Herrschersippen (erwähnter Möllbarth/Bruidhnea soll sich des Thrones "bemächtigt" haben, ohne ihn "erobern" zu müssen wie ein völlig Fremder) oder in der Verschiedenheit des Volkes in Glaubensdingen (der den lebendigen Gottheiten schwerlich gefällige Weltenschöpfer-Kult wird erst im neuen Clanthon wieder offen ausgeübt!)?
    Am Rande interessant ist auch die Tatsache, daß eine nennenswerte Schriftkultur nur dort auftaucht, wo ein gothorischer Anteil vermutet werden kann: das neue Clanthon ist durchdrungen von Schriftlichem, und der Adel in Calan pflegt Clanthons Erbe unter anderem in Form zahlreicher Schriften. Tir Thuatha dagegen kennt nur wenig schriftliche Überlieferung; Schrift in Form von Inschriften hat dort eher magischen Charakter oder dient der Verständigung mit Angehörigen fremder Völker, vor allem in Hafenstädten und an Handelsplätzen. Der Unterschied beschränkt sich jedoch auf herrschende und gebildete Kreise; gemeine Clanthonier und Thuatha, wie auch die Bauern in Calan, sind der Schrift nicht mächtig; die Überlieferung von Geschichte und Recht geschieht rein mündlich.
    Ungeachtet dieser Fragestellungen sind schon die heutigen Thuatha für sich alles andere als gleich: von den für unsere Begriffe fremdartigen Danannain im kalten Est bis zu den uns sehr ähnlich und vertraut erscheinenden Laighinn finden in diesem Volk sehr viele verschiedene Lebensformen ihren Platz; nicht anders ist es im neuen Clanthon, wo ähnliche und ähnlich verschiedene Gruppen ausgemacht werden können. Die verschiedenen Sprachen machen da nur eine weitere Spielart der Vielfalt aus, jedoch taugen sie nicht dazu, die Geschichte der Völker Agenirons zu erklären.

Die eine Seite hat nach allem Leid und der Ungewißheit der Finsternis die Oberhand behalten, doch die andere Seite ist aus dem Dunkel ans Licht zurückgekehrt. Die Menschen in Calan, die im Zusammenleben vieler Völker ein Erbe bewahrt sehen, nämlich die Erinnerung an den Guten König, dessen Herz Land und Volk vereinigt, hoffen, daß die Zukunft den beiden Seiten zur Einsicht verhelfen wird: Clanthon und Tir Thuatha schöpfen aus der gleichen Quelle; nun sollen sie auch gemeinsam daraus trinken.


 
-> zum Anfang